Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 392 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823774--1380-2825197- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Setzung spricht er nur ein einziges Mal, seine Existenz ist nicht mehr komisch, sondern nun, da ihre Welt sich in zwei Hälften gespalten hat, die sich gegeneinander völlig verschlossen haben, die in äußerster Entschiedenheit und in der Verhärtung des Hasses gänzlich unoffenbar und unauflöslich geworden sind, nun ist diese Existenz nur noch ohnmächtig. Nichts weniger als „heilandshaft"! Ohne Predigt, ohne Wunder, ohne Lehre! Er bleibt bei Nastaßja zurück, nicht weil er sich für sie und gegen Aglaja entschieden hätte, sondern weil ihm hier der größere Schmerz unmittelbar vor Augen ist. Er war ja schon im Begriff, Aglaja nachzulaufen. Wenn nicht Aglaja sich ihm von sich aus entzöge, wenn sie nicht alles auf diese eine Karte, auf diesen Moment der Entscheidung gesetzt hätte, wenn nicht das Drama außerhalb der Existenz des Idioten und ohne einen Eingriff von ihm sich vollendete, so würde er ewig „zwischen" den beiden Frauen stehen bleiben, ewig „schwankend", wie es in der Welt heißt, wo die Entscheidung gilt, — niemals hinaus gelangen über den Wechsel von Lächerlichkeit und ohnmächtigem Mitleid. Wenn nicht Rogoshin Nastaßja ermordete. Und die in der Beziehung zur Komödie komische, in der Beziehung zur Tragödie unzulängliche Existenz des Idioten, die weder hier noch dort endgültig Eingang und Aufnahme finden kann vermöge ihrer selbst-losen Gegenwärtigkeit, kommt zur Ruhe in der letzten, auch des Wortes entäußerten, schweigenden Vereinigung mit dem Mörder, dem Kreuzbruder, — schweigend, weil alles Geschehene in ihr aufgenommen ist, weil sie wissend ist von der getanen Tat, und dem Dasein nichts mehr bleibt außerhalb davon, keine verklärende Erinnerung, keine Reserve in der Vorausschau, kein Bild und kein Wert, kein Rest vom Selbst. Die Grenze ist erreicht, das Idiotendasein ist zu Ende. Don Quijote Chaplin konnte komisch bleiben, weil in seiner Welt kein endgültiges Leid vorkam. Darin mußte der Idiot, der in eine kompliziertere Situation hineingeriet, über ihn hinausgehen. Beider Komik wurzelt in ihrem Inder-Welt-sein, jedoch ist die Welt des Idioten eine breitere, und darum seine Existenz mehr als komisch. Doch ist die Schilderung des Außerkomischen im Idiotendasein nicht vergeblich gewesen: denn es gründet 392