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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 387

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 387 (sequence 16)
Language
German
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aller ernsthaft an einer Diskussion über den russischen Liberalismus, wobei er seine Ansicht „leise, doch mit fester Stimme" vorbringt, er spricht, als die Rede auf Hippolyt kommt, über die Vergebung, ja noch mehr: er stellt sich selbst dar, redet ganz im allgemeinen über sich selbst, und merkwürdigerweise betrachtet er sich als einen von der Natur zum Schweigen verurteilten Verkünder „hoher Ideale"4, als einen verhinderten Idealisten. Freilich: er steht auch so noch in einem eigentümlichen Kontrast zur Umgebung. Er äußert das alles „leise, doch mit fester Stimme" - und ist in dieser Redeweise abgehoben gegen die Art, wie etwa sein Partner Jewgenij Pawlowitsch über den Liberalismus zu diskutieren weiß: man muß den Fürsten beständig darauf aufmerksam machen, daß jener nur scherze, im Grunde sich gar nicht ins Gespräch einlassen wolle, daß er gleichsam für sich selbst rede, spielerisch und souverän bei sieh selber bleibe. Der ganze Kontrastbezug also hat sich verschoben: Jewgenij Pawlowitsch steht selbst jenseits der Welt der Charaktere, die die Gesellschaft konstituieren, er diskutiert nämlich mit Ironie, - nicht mit der sokratischen allerdings, die ihre eigentliche Fülle und Kraft als Innerlichkeit ironisch verschließt, sondern mit der Ironie der Leere, die unoffenbar ist, weil sie nichts zu offenbaren hat. Und so erseheint diese merkwürdige Begegnung von Ironie und existenzieller Komik nicht ganz konkretisiert, weil Mvschkins Unsicherheit durch Reflexion darauf ver- ' * dunkelt, und dementsprechend der Spott, mit dem man seinem Ernstnehmen, Wörtlichnehmen begegnet, in jedem Augenblick bereit ist, in Hochachtung umzuschlagen. Als er nun vollends von verschwiegenen hohen Idealen zu reden beginnt — und seine reale Komik aus der Situation herausnimmt, indem er sie als ,,seine" Lächerlichkeit erkennend, seiner Person eingliedert, da bricht denn auch wirklich Aglaja in eine wahre Raserei der Verehrung aus: ,,Kein einziger von diesen ist wert, dieses Taschentuch da, das Sie haben fallen lassen, aufzuheben . . . weshalb erniedrigen Sie sich, weshalb stellen Sie sich niedriger als alle andern?" In der Tat: in dieser Situation kann die Frage beinahe ernstgenommen werden. Er könnte antworten: Ich erniedrige mich nicht selbst, das Schicksal hat mich erniedrigt, hat mich lächerlich gemacht! Jedoch an diesem höchsten und überaus kritischen Punkt tritt der l mschwung ein: der Fürst kommt nicht zum Antworten, anstatt dessen 387

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