Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 386 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Charakter46, einer von denen, die Moliere aus dem System der geltenden Charaktere in die Unterwelt minderwertiger Lächerlichkeit verwies —, daß sein Dasein vielmehr immer in seiner ganzen Offenbarkeit gegenwärtig ist, nicht fähig zu Festlegung, Abbruch und Verrat. Diese plötzliche Entfernung vom Komischen ist möglich nicht vermöge einer zwiespältigen Anlage der Gestalt Myschkins, sondern sie ergibt sich notwendig aus der Kompliziertheit seiner Situation, seiner Welt. Aus dem Widerstreit der Sphären, in denen er ist. Daß diese Welt so deutlich in Sphären geteilt erscheint, nicht bloß das fragmentarische Feld der Wirkungen und Beziehungen im Dasein des Idioten ist (wie bei Chaplin!), dies gründet in der Eigentümlichkeit der epischen Dichtung, in der das ausstrahlende Zentrum der bewegten Welt beständig von den in ihr seienden Gestalten auf den von außen überschauenden bewegenden Dichter selbst zurückgleitet, — während in den Filmen Chaplins die überschau des Dichters sich mit der Umschau des gedichteten Daseins nahezu völlig deckt. „Gott, das soll ein Mann sein!" ruft die Generalin Lisaweta ProkofjewTia aus, als der Fürst das Billett Aglajas, in dem sie ihm das Haus verbietet, „nach allem, was geschehen ist" — voraufgegangen ist die große Szene mit den „Nihilisten", die Aglajas Zorn über den mangelnden Stolz des Fürsten erregt hat — als er dieses Verbot wörtlich nimmt. Er ahnt gar nicht die wahren Empfindungen Aglajas, dringt nicht durch ihre gewollte Selbstverschließung, wagt nicht irgend etwas hinter der unmittelbaren Äußerung zu hören, gar etwas ihm Günstiges, liest das Billett und gehorcht. Es ist die volle Komik der Gegenwärtigkeit, die blind ist gegen eine verborgene Realität der Zwecke und Absichten, die alles notwendig „wörtlich nehmen" muß, weil ihr selbst Vorüberlegung und Zusammenschau, die über die Situation hinaus oder von ihr weg sich ziehen, und auf diese Art die Inkongruenz, ja den Widerspruch zwischen Wille und Aussage hervorbringen, fremd ist. Die gegenwärtige Existenz kennt keine „Transzendenz des fremden Ichs": ist sie blind gegenüber der getvollten Verschließung, so ist sie um so hellsichtiger für die innere Lage des andern, sofern sie sich gegenwärtig ausdrückt (das ist es, was viele Ausleger als die merkwürdige, ja fast übermenschliche „Gabe, zu durchschauen" am Idioten bemerkt haben!). Der Fürst folgt Lisaweta Prokofjewna in die Datsche des Generals, er beteiligt sich zum Erstaunen 386