Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 384 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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einer Selbstschau oder Selbstbewertung, es beruht in der Schlichtheit seiner Realität einfach auf sich, ohne auch nur die Verklärung zum „Erlebnis" d. h. schon zum Moment der Subjektivität zu erfahren, die der erste und gewöhnlichste Schritt zur Verhüllung des Grenzcharakters alles Geschehens ist, die das Reale in eine letzten Endes unverbindliche Sphäre hebt und gleichsam unschädlich macht. Das Vergangene bleibt in der Erzählung des Idioten immer objektiv und auf diese Weise die Voraussetzung der Bereitschaft und Weltoffenheit, die nicht in einer noch so weitgespannten, „verstehenden" Sympathie gründen kann, sondern ohne zu betrachten stets sich erfüllen läßt vom Geschehen selbst in seiner ganzen Schärfe. Diese Seite der selbst-losen Existenz, die Offenbarkeit des Erzählens, die namentlich in den Anfangskapiteln des Romans von so großer Bedeutung ist, blieb Chaplin versagt, weil er nur die Sichtbarkeit des Daseins darstellen konnte. Ihre Darstellung war nur der Epik möglich. Sie ist die notwendige Ergänzung der Gegenwärtigkeit in der Struktur dieses Daseins und eine neue Quelle der Komik. Diese Komik der Offenbarkeit in der Welt des Willens und der geheimen Absichten tritt am deutlichsten hervor in dem Verhältnis der Aglaja Jepantschina zum Fürsten, namentlich in ihrem wundervollen Billett, das die Verabredung zum Rendezvous auf der grünen Bank enthält, mit den beiden Nachschriften: „PS. Ich hoffe, Sie werden diesen Zettel niemandem zeigen. Zwar schäme ich mich, Ihnen eine solche Anweisung zu geben, aber ich habe überlegt, daß bei Ihnen so etwas nötig ist, und so habe ich sie denn hingeschrieben, — indem ich vor Scham über Ihren komischen Charakter errötete. — PPSS. Es ist dieselbe grüne Bank, die ich Ihnen vorhin gezeigt habe. Schämen Sie sich. Auch das muß ich noch hinzufügen." Aglaja will aus dem Fürsten einen „richtigen Mann" machen: ihr erscheint sein Charakter komisch, sie sucht ihm dasjenige Bewußtsein seines Wertes beizubringen, dessen Mangel Dostojewski selbst angeführt hat (in dem zitierten Brief), um seine Idee des Positiv-Schönen zu charakterisieren, — sie sucht ihn auf alle Art zu veranlassen, auf sein Dasein zurückzublicken, um sich seiner bewußt zu werden, auf alle Umstände dieses Daseins, Geist, Talent, Charakter bis in die ökonomische Lage hinein, um eine Position, Potenz, Würde zu erlangen, überhaupt eine Qualität, die man in Rechnung ziehen kann. Immer wartet sie darauf, 384