Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 383 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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die Ehre ist das Gerüst, die Stütze der Geltung dieses Selbst, die handliche Norm des gänzlich beziehungslosen Urteils, das jeder beliebige Zuschauer aussprechen kann, ohne sich selbst einlassen und beteiligen zu müssen. Auf diesem Hintergrund hebt sich das Aus-der- Welt-gehen des Idioten deutlich ab. (Seine Krankheit ist so wenig wie die Hippolyts bloüGelegenheit zu Exkursen über die Psychologie des kranken Menschen!) In seinem untragischen Ende (das ganz wie Chaplins Abgang am Ende des Zirkus ein bloßes Verschwinden ist, eine Dokumentation der Punktaalität) fassen wir sein gesamtes Dasein, auch seine Komik. Die l nverhülltheit der Grenze zum Nicht-mehr-sein ist ein Ausdruck der Gegenivürtigkeit dieses Daseins, das schon darum unheldisch ist, weil es ebenso endet, wie es begann. Die erste Szene, die erste ,,Situation4* des Romans ist der Eintritt des Fürsten Myschkin in die Welt, sein Zusammentreffen mit Rogoshin und dem „finnigen Beamten" Lebedeff im Eisenbahncoupe. Ein Gespräch entwickelt sich: der Fürst zeigt sich diesen wildfremden .Menschen gegenüber von einer „auffallenden", ja lächerlichen Offenherzigkeit". Er verschweigt nichts von seiner Krankheit, seinem Aufenthalt in der Schweiz, seinen Erwartungen in Rußland, seinen Vermögensverhältnissen. Er erzählt, ganz ohne diesem Erzählen selbst irgendeinen besonderen W ert beizulegen, ohne die Wichtigkeit des Geschwätzigen, ohne den Anspruch, interessant oder bemitleidenswert zu erscheinen. Es ist die reinste Weise des Erzählens, die überhaupt denkbar ist, ein purer Bericht, in dem das Vergangene als Vergangenes einfach offenbar gemacht wird. Nicht wird das Erinnerte auf die Individualität des Erzählers bezogen, in sie einbezogen, — besser: nicht wird aus der Erinnerung eine Substanz der Individualität gewonnen, vermöge der die Erzählung dann zum Sieh-ausdrücken der Person würde, sondern: Die Individualität erscheint in der Erzählung aufgelöst in das ganze Gefüge der geschehenen W irklichkeit, dessen, was sich mit ihr zugetragen hat. Sie behält von dem Erinnerten nichts für sich selbst zurück, mag sie nun im einzelnen Fall faktisch zur Erzählung kommen oder nicht; und diese Offenbarkeit ist die Grundlage, vielmehr die Entsprechung der Gegenwärtigkeit, die andere Seite des In-der-Welt-seins dieser Existenz. Das Vergangene bildet nicht den Stoff 383