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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 382

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 382 (sequence 11)
Language
German
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er in die Welt eintrat. Diese beiden Punkte scheinen uns treffendere Bezeichnungen, signa, als Geburt und Tod: stärker als ein wirkliches, mannigfacher pathetischer Verkleidungen fähiges Sterben bezeichnet dieses Abgleiten in die Geisteskrankheit die Grenze zum Nicht-mehr-sein, weil es jede Haltung, Form, Spiegelung des Selbst vernichtet. Im äußersten Kontrast zu diesem Ende steht die Erzählung vom Selbstmordplan des lungenkranken Hippolyt im dritten Teil des Romans, der seinen Tod, vielmehr sein Sterben in allen Phasen und Nuancen vorausplant und vorausschaut. Er will noch einmal die Sonne aufgehen sehen, dann einen bunten Kreis von Menschen durch die Vorlesung seiner letzten Aufzeichnungen mit dem Motto „apres moi le deluge" auf seine Leiden und seinen Untergang hinblicken lassen, schließlich im Anblick der Sonne sich mit der mitgebrachten Pistole erschießen, — er umgibt seinen Tod mit einem Rausch des teils heroischen, teils sentimentalen, teils nihilistisch-skeptischen Selbstgenusses. Er hört den Knall der Pistole und seine Wirkung auf die Versammelten schon im voraus. Rogoshin vernichtet diese extreme Grenzverhüllung aus seiner leidenschaftlichen Verschwiegenheit heraus : ..Viel zu viel Gerede!" äußerte sich plötzlich Rogoshin, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte. Hippolyt wandte sich zu ihm, und als ihre Blicke sich trafen, lächelte Rogoshin bitter und sprach langsam die sonderbaren Worte: „So muß man die Sache nicht anfassen, junger Mann, so nicht." Für den Sonnenaufgang hat er gesorgt und für die Zuhörer seiner „Beichte", nicht aber für das, was eigentlich zum Selbstmord wichtig ist, nämlich die schußbereite Pistole: er hat vergessen, das Zündhütchen aufzusetzen! und bleibt doch am Leben. Die pathetische Verhüllung überwuchert in diesem grotesken Fall so sehr, daß es nicht mehr zur Tat kommt: Raskolnikoff tat den schwierigen Sprung von seinem napoleonischen Traum zur Tat, — Hippolyt hat vergessen, das Zündhütchen aufzusetzen. Er gleitet mit seiner selbstgeschaffenen Gloriole über den Tod hinweg, streitet sich noch, ob das mit dem Zündhütchen absichtlich oder versehentlich geschehen sei. Wesentlich ist, wie sich die anderen zu ihm stellen, von welcher Art die Beziehung zu dieser aus den Attributen der Einsamkeit aufgebauten Individualität ist: er bleibt vollkommen bei sich selbst, die andern haben nichts zu tun, als über seine „Ehre" zu wachen, — 382

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