Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 379 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Spenders zum Bedürftigen ist, sondern mit einem gänzlich voraussetzungslosen, gänzlich un-selbstischen Mitleiden, das das Leiden des anderen an die Stelle des eigenen Selbst setzt, — mit dem Mitleid der punktuellen Existenz. Mitleid, das gar keines ethischen Imperativs bedarf, weil es in der Existenz selbst gründet. Mitleid also, das sogar komisch ist! Wir könnten uns denken, daß für Charlie der Grund zu einem dauernden Dasein in dem Augenblick gelegt würde, wo er auf eine Existenz träfe, die wie die seine hilflos, stützenlos, selbstlos in die Beziehung einzugehen bereit wäre. Dieser Augenblick würde den letzten Aufschwung und das Ende seiner Komik bedeuten, — ohne daß sein Dasein als solches eine andere Form annähme. Denn seine Komik nährt sich von dem Kontrast zu der Welt der Individualitäten. — Dieser Augenblick tritt nicht ein. Im Zirkus zieht das Mädchen den wirklichen Mann, den schönen Seiltänzer, ihrem „Freund44 Charlie vor, Charlie sieht zu, es kommt das wundervolle Bild, wo die beiden im Vordergrund zusammensitzen, und Charlie, winzig klein, wie ein wirklicher Punkt, hinten vorbeigeht, diesmal ganz ohne Tränen — und im Hintergrund, nicht tragisch im Vordergrund wie im Goldrausch; er mimt noch einmal Eifersucht, weil er eben noch da ist, nicht einfach verschwinden kann und sich doch auf irgendeine Weise zu den beiden verhalten muß, beginnt dann heimlich Seiltanzen zu lernen, die Verbeugungen des schönen Mannes naiv nachzuahmen, — „vielleicht muß man seiltanzen können'4, denkt er - und läßt dann alles fallen, vergißt alle eignen Möglichkeiten in dem Moment, wo die Situation sich ändert, wo von ihm verlangt wird, den beiden bei der Flucht zu helfen, und — wo er sie bei der Trauung begleiten, Konfetti werfen, sich mit ihnen freuen kann. Die Wagen fahren ab. Charlie bleibt allein zurück. Sitzt auf einer Kiste. Findet irgendeinen Fetzen Papier, den Rest eines Reifens, Symbol des Zirkus. Knüllt es zusammen, kickt es mit einem unbeschreiblichen, hinterrücks versetzten Fußtritt ins Weite. Steht auf, tut einen Sprung, und geht. Ganz weit, bis man ihn kaum noch sieht. Es ist die letzte Szene, die wir von ihm gesehen haben. Man hat viel über sie gesprochen. Ist es die bittere Gebärde eines Skeptikers, der auf das Leben spuckt? Der mit Bewußtsein die Erinnerung tilgt, und nur noch die Weisheit für sich zurückbehält: es ist nichts mit den Menschen? Der aus der Resignation schließlich doch noch eine eigene Position gewinnt? Wird es nun 379