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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 378

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 378 (sequence 7)
Language
German
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Lächerlichkeit in einer Welt, die gänzlich auf die Bildung und Geltung der Personeinheiten, und was die Beziehungen betrifft, entweder auf die „soziale" Organisation dieser ausgebildeten isolierten Personen — auf Herrschaft und Leidenschaft oder auch auf die gegenseitige Durchdringung der Substanzen — gegründet ist. Chaplin verliert diese Lächerlichkeit nur in den Augenblicken, wo er die Punktualität als Schmerz der Einsamkeit und Sehnsucht nach Gemeinschaft ins Gefühl „reflektiert", d.h. zurückbeugt, hereinnimmt in das nun nicht mehr in der Situation aufgehende Selbst. In diesen Augenblicken ist er für die Sicherheit der Zuschauer nicht mehr lächerlich, sondern Mitleid erregend. Nicht anders ist es mit Charlies Beziehungen zu den Mädchen. Er strebt nicht nach dem Besitz, nach Selbstverwirklichung in der Liebe, er fordert nicht, begehrt nicht, erobert nicht, ja man könnte sagen: er liebt nicht einmal, sondern er wartet nur darauf, geliebt zu werden. Aber auch das ist noch mißverständlich, das wäre noch nicht komisch. Er wartet, ohne selbst dieses Warten zu empfinden: sein Dasein ist dieses Warten, diese grenzenlose Geöffnetheit. Seine „unglückliche Liebe" zu der Tochter des Zirkusdirektors beginnt ja nicht mit irgendeiner Bemühung von seiner Seite, sondern mit dieser wundervollen Geschichte um das Butterbrot: das hungrige Mädchen stürzt sich in seiner Abwesenheit gierig auf das liegengelassene Butterbrot; er kommt zurück, hilft sich einen Moment lang mit der Geste des Besitzenden, der sein Eigentum verteidigt, — solche übernommenen Gesten sind der Ausdruck einer Art Scham, er wartet noch, will nicht zudringlich offen sein, es ist eine angenommene Verkleidung, ein vorgetäuschter Charakter, vorgetäuscht aus übergroßer Erwartung, die nicht von sich aus Beziehungen schaffen will, sondern sich noch unter irgendeinem schnell hergenommenen Mantel zurückhält. Sofort aber löst er die Geste wieder auf, als er merkt, wie hungrig sie ist, — er ist im Grunde schon bereit, ihr alles hinzugeben, glaubt aber, seine Position noch halten zu müssen, und tut es in der Rolle des Pädagogen, indem er sie mahnt, langsamer zu essen. Als sie das Brot drunten hat, kriegt das Mädchen den Schluckauf, und er, nun gänzlich aufgehend, schämt sich für sie, geht abseits und fängt an, auch zu rülpsen. Die Beziehung beginnt mit derjenigen Weise der Hingegebenheit des Menschen an den Menschen, die Mitleid heißt. Nicht mit dem Mitleid freilich, das ein Herunterbeugen des seiner selbst und seines Besitzes bewußten 378

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