Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 377 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dem nur ein jeweils enges, aber vielfältig bewegtes Feld der menschlichen Verwicklung zu kennen, das ohne Kontur, ohne Begrenzung ist, an den Rändern gleichsam sich verliert, und in der Zeit sich fortbewegt und beständig neu wird. Es ist in dieser Hinsicht für Charlie mit den Menschen beinahe nicht viel anders als mit den Tieren: auch sie sind wirkende Mächte in seinem Dasein, das Zirkuspferd hat eine ähnliche Bedeutung für ihn wie ein Polizist, es ist eine —in ihren Motiven nur etwas unklarere - Bedrohung. Von dieser fragmentarischen und schillernden Struktur ist überhaupt seine ganze Welt, — wenn dieser Ausdruck für das Sichtbare seiner Existenz angewendet werden kann. Sein Dasein ist nicht in eine von ihm selbst erkannte und bejahte oder auch bemängelte menschliche Sphäre eingebaut, es hat keine bestimmte beschreibbare ,,Luft" um sich, es bewegt sich immer nur durch ein wirres Hin und Wider auftauchender und verschwindender Requisiten von nur partikularer Deutlichkeit. Für dies Dasein, das recht eigentlich milieulos dennoch - ihm selbst unbewußt - ungewöhnlich reich an bewegter „Welt4* ist, gibt es keine deutlicheren Zeichen als dies Hineingeraten in die Lebensweisen der Goldgräber und der Zirkusleute, die abseitig sind, ohne sicheren Lmriß und ohne Stetigkeit. Charlie soll von den Zirkusclowns lernen, wie man komisch zu sein hat. Er sitzt neben dem Direktor und schaut den Clowns zu, die ihre „Nummer44 vorführen, fängt unbändig zu lachen an, fällt in die Rolle des Zuschauers, vergißt gänzlich, warum er zuschauen soll: der Direktor blitzt ihn strafend an, er verstummt augenblicklich. Es ist ihm völlig genug, zu sehen, daß der Direktor nicht will, daß er lacht. Er denkt gar nicht daran, sich dagegen zu sperren, er gleicht sich an, verliert sich >elbst, gibt sich auf, um den Impuls des anderen Selbst durch sich wirken zu lassen, nicht in der Befolgung irgendeiner Regel des Daseins, etwa Gehorsam zu üben, nicht aus Berechnung, um es mit dem Direktor nicht zu verderben, nicht, indem er die eigne Wallung unterdrückt, sondern einfach aus der Bereitschaft seiner Punktualität heraus, die Kraft des anderen gleichsam durch sich hindurchgehen zu lassen. Diese äußerste Willenlosigkeit, Selbstlosigkeit — das Wort nicht als moralischen Charakter-W ert, sondern als Konstituens des Daseins genommen — ist die Erscheinung der Punktualität innerhalb der menschlichen Beziehung, ist der tiefste Grund seiner