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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 375

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 375 (sequence 4)
Language
German
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sein Lächeln, mit einem Wort seine sichtbare Person — ist etwas Sekundäres, ist erst das Ergebnis seiner Situationsgebundenheit. Das System der Charaktere ist für Chaplin zerbrochen. Er tritt in eine Welt ein, die unübersichtlich geworden ist, zerstäubt, atomisiert. Das Gewühl von Rücken und Hüten in jenem Goldgräberwirtshaus, in das er hineingeht, — das ist diese Welt. Unsere Welt. Zunächst ist alles an ihr unklar, nichts deutlich zu benennen. Aber sie ist voll unendlicher Möglichkeiten, die da oder dort in ihr aufspringen können. Da taucht ein Mann auf, bärtig, in einer Pelzmütze, mit drohendem Blick, - gerade als Charlie die fortgeworfene Photographie aufheben will. Etwas tritt heraus aus dem Gewühl, wird wirksam und mächtig — nur für Charlie freilieh. Nicht ein Mensch, voll sichtbar, nur etwas Partikulares, Fragmentarisches von einem Menschen: eine Drohung, die nicht einmal eine wirkliche Drohung ist, sondern nur eine eingebildete. Offenbar will er nicht, daß ich das aufhebe — denkt Charlie. Vielleicht stimme ich ihn günstiger, r* wenn ich ihm zulächle. Es schwebt etwas, eine Situation ist da, eine Beziehung, Bewegung, Spannung vorhanden. Chaplin lebt nur von diesen Beziehungen, ist nichts außerhalb von ihnen, seine Punktualität ist Bereitschaft, sich ihnen gänzlich hinzugeben, in ihnen aufzugehen. Aber es bleibt immer bei der Bereitschaft, bei einer unendlichen Erwartung, einer unendlichen Möglichkeit, Menschen auf sich zukommen zu lassen. Denn es ist nicht so, daß er zu den Menschen hinginge, um sie kennen zu lernen, oder sich mit ihnen einzulassen, — vielmehr: der Sehneesturm weht ihn hinein, und auf der Flucht vor dem Polizisten gerät er zu ihnen, zu vielen Menschen in den Zirkus. Niemals gewinnt er festen Fuß in einer Beziehung, niemals kommt er auch hier zu einer endgültigen Sicherung. Niemals ergreift" er die Situation, um daraus aufbauend eine Dauer zu gewinnen. Nur das einzige Mal tut er einen Griff, als die Situation zu verführerisch ist, um noch länger warten zu können: am Schluß des Goldrausches. Als er Millionär geworden ist, ohne das mindeste dazu getan zu haben, — als das Mädchen plötzlich wieder da ist, und allein ohne diesen gräßlichen starken Mann, der ihm immer ein Bein gestellt hat, — da sagt er's dem Kontrolleur ins Ohr, ohne noch selbst ernsthaft daran zu glauben, da läßt er -ich auf den Wunsch des Photographen mit ihr zusammen knipsen, der Pfwtnuraph befiehlt eine intime Szene, — da endlich winkt er ab, nach dem Apparat

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