Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 374 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Lacher auf seiner Seite" wie der Eulenspiegel, im Gegenteil: in dem Augenblick, wo ihm jemand zusähe und seinen kleinen Trick bemerkte, würde er ohne Zweifel die Flucht ergreifen. Und er tut es auch: wenn der Polizist erscheint — der einzige Mensch mit dem er es zu tun hat! — er w ürde gar nicht auf den Gedanken kommen, seine List vor der Menge zu produzieren oder vor den Geprellten zu rechtfertigen wie Till. Er tut das ja nur. um ein paar Pfennige zu verdienen, — meistens nicht einmal für sich, so gelegentlich, - und wenn er fertig ist, wirft er die Schaufel weg. Und er tut es mit dem größten Ernst, ohne sich eigentlich einen Genuß an der Uberlistung als solcher zu verschaffen. Er prellt ohne die Überlegenheit des Narren, der seine eigene Position hat gegen die Welt. Er ist immer durchaus und ganz in der Welt. Und darum, weil er kein Narr ist, sind seine Metamorphosen auch nicht Mittel zu einem höheren Zweck, sondern eine beständige Durchbrechung jeder Form und Sicherung, ein immerwährender Ausdruck dafür, daß er in jedem Moment in die Punktualität der Anfangssituation zurückfallen kann, ja, daß er eigentlich im Grunde nie über sie hinauskommt. — Die Welt, in der der „Charakter46 als solcher schon komisch sein konnte, die Welt Molieres, ist für Chaplin wie für uns längst untergegangen. Es war eine geordnete Welt, die prinzipiell in abstracto alle Menschen umfaßte, in der jedem Neuauftauchenden nach einiger Prüfung eine bestimmte Stelle zugewiesen wurde. In der die Komik nicht weit von der Verwerflichkeit entfernt war. Und in der die Bewegung und Verwandlung des Menschen seinem Wesen äußerlich blieb, eine bloße Variabilität seiner endung an die Außenwelt, gebunden in die Grenzen der Stetigkeit des Charakters. Es gibt heute eine Anzahl Komiker, auch im amerikanischen Film, die von den Reminiszenzen dieser Komik des Charakters leben, die aber sozusagen nur die äußere Seite übrig behalten haben: sie haben sich irgendeine bestimmte Geste oder Maske zu eigen gemacht, die sie beharrlich eingeübt haben und in den mannigfaltigsten Umgebungen, die sie für sieb erfinden, zu zeigen suchen: ihre Lächerlichkeit ist eigentlich sinnlos geworden, ohne Tiefe, weil ohne Verbindlichkeit, auf den Zufall angewiesen, gleichsam frei schwebend; sie kann jeden Augenblick dumm und abgeschmackt werden. Chaplin ist nicht von dieser Art. Man ist versucht, paradox zu sagen: seine Geste und Maske, das, was wir an ihm unmittelbar sehen, seine geliebten Schuhe, sein Schnurrbärtchen, sein Stöckchen, ja 374