Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 370 (sequence 121)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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liehe Bitterkeit dieses Lebensgeständnisses hinunterzuschlucken — aber der Mut und die Standhaftigkeit, sein Mut und seine Standhaftigkeit, reichen nicht für diese größte und schwerste Tat aus. Er vermag das Entsetzliche eines rechtlosen, ungeschützten Lebens nicht zu ertragen — er sucht von neuem nach der Kraft und Macht, die seine Beschützerin sein und ihm die genommenen Rechte wiedergeben könnte. Und er beruhigt sich nicht, solange er nicht unter einem anderen Namen eine vollständige in integrum restitutio, alle Rechte, die er früher besaß, erlangt. Und nicht Nietzsche allein hat es so gemacht: die ganze Geschichte der Ethik, die ganze Geschichte der Philosophie ist in bedeutendem Maße ein ununterbrochenes Suchen nach Vorzügen und Privilegien, nach Adelsbriefen und Charten. Die Christen Dostojewskij und Tolstoj unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht im geringsten von dem Feind des Christentums, Nietzsche. Der bescheidene Jude Spinoza und der ebenso bescheidene Heide Sokrates, der Idealist Plato und der Realist Aristoteles, die Begründer der neuesten, edelsten und erhabensten Systeme Kant, Fichte und Hegel, sogar der Pessimist Schopenhauer — sie alle trachten wie ein Mann nach dem Adelsbrief, dem Adelsbrief und wiederum dem Adelsbrief. Ohne Adelsbrief verwandelt sich hier auf Erden das Leben offenbar in einen wahnsinnigen Fiebertraum und wird zu einer unerträglichen Folter. Sogar der Begründer des Christentums, der so leicht auf alle Privilegien verzichtete, hielt es für möglich, dieses Privileg für seine Jünger zu wahren, vielleicht aber — wer weiß? — auch für sich selber . . . Wenn indes Nietzsche und die anderen genannten Philosophen die Titel. Ränge und Ehren, die nicht nur von der Moral, sondern auch von allen anderen über den Menschen gestellten wirklichen und eingebildeten Svnedrien verteilt werden, mit Entschiedenheit hätten ablehnen können, wenn sie diesen Kelch bis auf den Grund geleert hätten, so hätten sie vielleicht vieles erfahren, gesehen und gehört, was niemand bisher auch nur geahnt hat. Führt doch der Weg zur Erkenntnis — wie schon lange bekannt - über größte Selbstentsagung. Weder Gerechtigkeit, noch auch Genialität verleiht einem Vorzüge vor den anderen. Man ist des Schutzes der irdischen Gesetze beraubt, für immer beraubt. Ja, es gibt sogar keine Gesetze. Heute bist du ein König, morgen ein Knecht, heute bist du ein Gott, morgen ein Wurm, ein zertretener Wurm dazu; heute bist du der Erste, morgen der Letzte. Und der Wurm, den du heute zerdrücktest, 370