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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 371

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 371 (sequence 122)
Language
German
Belongs to
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wird morgen ein Gott sein, dein Gott. Alle Einteilungen und Stufenleitern, nach denen sich die Menschen unterschieden, sind für innner verwischt, und es gibt keine Gewißheit, daß der Platz, den du einmal eingenommen, dir verbleiben wird. Und das haben ja doch alle Philosophen gewußt, auch Nietzsche wußte es, wußte es aus Erfahrung! Er war ein Freund, Verbündeter und Mitarbeiter des großen Wagner, war der \ er- 7 t? künder einer neuen Ära auf Erden, und er wälzte sieh später im Staube, zerschlagen und zerdrückt. Und das zweitemal geschah mit ihm das gleiche. Nach dem Zarathustra verfiel er in Wahnsinn, richtiger, er wurde zu einem halben Idioten. Zwar hat er das Geheimnis des zweiten Sturzes mit ins Grab genommen, aber manches ist doch bis zu uns gelangt, so sehr auch seine Schwester die Metamorphose, die ihn ereilte, vor unberufenen Augen zu verbergen suchte. Und so fragen wir: liegt denn wirklich in dem Rang, im Adelsbrief das Wesen des Lebens? I nd kann man etwa Christi Worte von den Ersten und Letzten in buchstäblichem Sinne verstehen? Sind nicht alle Synedrien, die über den .Mensehen gestellt sind und gewissermaßen seinem Leben den Sinn verleihen, nur Fiktionen — äußerst nützlich und sogar notwendig für gewisse Momente des Lebens, aber ebenso schädlich, ja sogar gefährlich, um nicht noch mehr zu sagen, unter veränderten Umständen? Beginnt nicht das Leben, das echteste ersehnteste Leben, jenes, das die Menschen seit Jahrtausenden suchen, dort, wo es keine Ersten und Letzten, keine Gerechten und Sünder, keine Genies und Talentlosen gibt? Ist nicht die Jagd nach Anerkennung, nach Überlegenheit, nach Adelsbriefen und Charten, nach Rängen gerade das, was den Menschen hindert, das Leben mit seinen verborgenen \\ undern zu sehen? Muß denn der Mensch wirklich bei der Heraldik Schutz suchen oder wohnt ihm eine andere, durch die Zeit unausrottbare kraft inne? Man kann ein guter, kluger, gelehrter, begabter, sogar genialer Mensch sein, hierfür aber irgendwelche Privilegien zu fordern bedeutet V errat an der Güte und dem Verstand und der Begabung und der Genialität c? O und an den größten Hoffnungen der Menschheit. Die die Letzten hier sind, werden nirgends die Ersten sein. 371

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