Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 120)
- Language
- German
- Belongs to
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Recht genommen wird, den Kopf hoch zu tragen, die Brust und sogar den Bauch vorzuwölben, verächtlich auf seine Umgebung herabzublicken. Um begreiflich zu machen, wie sehr die Ranglehre mit der menschlichen Seele verwachsen ist, will ich die Lehre des Evangeliums von den Ersten und den Letzten in Erinnerung bringen. Christus, der doch anscheinend eine ganz neue Sprache sprach, der die Menschen lehrte, irdische Güter — Reichtum, Ruhm, Ehren — zu verachten, der dies alles gern des Kaisers sein ließ, da er annahm, daß nur der Kaiser es brauchen könne, Christus selber hielt es, sich an die Menschen wendend, nicht für möglich, ihnen die Hoffnung auf Auszeichnung zu nehmen. Die Ersten werden dort die Letzten sein. Wie? Auch dort wird es Erste und Zweite geben? So heißt es im Evangelium, — ob wohl deshalb, weil in der Tat eine solche Einteilung der Menschen nach Rängen etwas l rewiges, l nvergängliches ist, oder deshalb, weil Christus, mit Menschen .sprechend, nicht anders als in menschlichen Porten reden konnte? Wenn nicht dieses Versprechen wäre, wenn nicht überhaupt eine Reihe für das menschliche Verständnis faßbarer Belohnungsversprechen da wären - so hätte vielleicht das Evangelium seine große historische Mission nicht erfüllt, es wäre auf Erden ganz unbemerkt geblieben, und niemand hätte in ihm die frohe Botschaft gespürt und erkannt. Christus wußte, daß die Menschen auf alles verzichten können, nur nicht auf das Recht der Erstgeburt, auf das Recht der Überlegenheit vor ihren Nächsten, auf das, was Nietzsche den Adelsbrief nennt. Ohne diese Prärogative kann eine gewisse Art von Menschen nicht leben. Sie werden das. was die Deutschen so treffend als „vogelfrei" bezeichnen, denn darin liegt die einzige (Quelle ihres Rechts. Die rauhe, sinnlose, widerwärtige W irklichkeit. v or welcher der einzige Schutz — ich wiederhole und unterstreiche dies - der Vdelsbrief, die ungeschriebene Urkunde ist, rückt ihnen immer unerbittlicher und bedrohlicher nahe und stellt ihre Forderungen. ,,\\ enn du ein ebensolcher bist wie alle anderen Menschen," sagt sie, „so empfange von mir deine Lebenserfahrung, erfülle deine AlltagspHichten, schlimmer noch, empfange von mir jene Strafen und Lehren, bis zur Körperstrafe einschließlich, denen der nicht privilegierte Stand ausgesetzt ist." \\ ie -oll solche erniedrigenden Bedingungen jener annehmen, der zu denken gewohnt ist, daß er berechtigt sei, den Kopf hoch zu tragen und ein unabhängiger, stolzer Mensch zu sein? Nietzsche bemüht sich, die entsetz- 369