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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 368

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 368 (sequence 119)
Language
German
Belongs to
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Die Ersten und die Letzten Im ersten Band von „Menschliches, Allzumenschliches", den Nietzsche am Anfang seiner Krankheit schrieb, als er noch weit entfernt war vom letzten Sieg und hauptsächlich von seinen Niederlagen erzählte, finden wir folgendes bemerkenswerte, wenn auch halb unwillkürliche Geständnis: „Die völlige Unverantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen und sein Wesen ist der bitterste Tropfen, welchen der Erkennende schlucken muß, wenn er gewohnt war, in der Verantwortlichkeit und der Pflicht den Adelsbrief seines Menschentums zu sehen." Viel Bitterkeit muß der erkennende Geist schlucken, — das Bitterste aber ist das Geständnis, daß deine sittlichen Eigenschaften, deine Bereitschaft, deine Pflicht ohne Murren zu erfüllen, dir keinerlei Vorzüge vor den anderen Menschen verleihen. Du meintest, ein Edelmann, ja sogar ein mächtiger, gekrönter Fürst zu sein, indes alle übrigen Menschen plumpes Bauernpack seien, und du bist ein ebensolcher Bauer oder ein ebensolcher Mensch wie alle anderen. Der Adelsbrief stellt sich als das heraus, um dessentwillen die schwerste Pflicht erfüllt wurde, um dessentwillen Opfer gebracht wurden und was den Sinn des Lebens ausmachte. Und wenn sich plötzlich herausstellt, daß keinerlei Ränge und Abzeichen vorgesehen sind, so erscheint das als entsetzliche, unerhörte Katastrophe, als geologische Umwälzung, — das Leben verliert jeglichen Sinn. Diese in den zitierten Worten mit so rührender Offenheit ausgesprochene Uberzeugung war offenbar Nietzsches zweite Natur, mit der er bis ans Ende seines Lebens nicht fertig zu werden vermochte. Was ist der „Übermensch", wenn nicht ein Titel, ein Adelsbrief, der einem das Recht verleiht, sich Edelmann unter Bauernpack zu nennen? Was ist das Pathos der Distanz und Nietzsches ganze Ranglehre? Die Formel „jenseits von Gut und Böse" war bei weitem nicht so allvernichtend, wie es auf den ersten Blick schien. Vielleicht sogar im Gegenteil: indem sie die einen Gesetze vernichtete, die auf den Tafeln der alten Menschheit geschrieben standen, ließ sie gleichsam andere zutage treten, die sich durch die Zeit verwischt hatten und darum für viele fast unsichtbar sind. Die ganze Sittlichkeit, alles an und für sich Gute wird abgelehnt, aber der Adelsbrief steigt um so mehr im Wert, er wird, wenn auch nicht zum einzigen, so doch jedenfalls zum Hauptwert. Das Leben verliert seinen Sinn, wenn die Titel und Ränge aufgehoben werden, wenn einem das 368

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