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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 367

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 367 (sequence 118)
Language
German
Belongs to
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schaulich vom Gegenteil: unter den Philosophen gibt es kein Streben nach Einigkeit, es gab keins und es wird nie eins geben. Und sie werden offenbar auch in Zukunft keine widerspruchsfreie Wahrheit finden, denn Wahrheit in jenem Sinne, wie dieses Wort von den Menschen und der \\ issenschaft verstanden wird, suchen sie gar nicht — die Widersprüche aber erschrec ken sie letzten Endes nicht, sie locken sie eher. Schopenhauer beginnt seine Kritik der Kantschen Philosophie mit den Worten Voltaires: (/est le privilege du vrai genie ... de faire impunement de grandes fautes. Ich glaube, daß gerade hier der Schlüssel zum Geheimnis des philosophischen Genies liegt. Es begeht große, größte Fehler, - und zwar ungestraft. Darüber hinaus werden ihm seine Fehler als Verdienst angerechnet, denn es handelt sich nicht um seine Wahrheiten, nicht um seine l rteüe, sondern um ihn (d. h. den Philosophen) selber. Wenn man von Plato hört, daß das uns sichtbare Leben nur ein Schatten sei; wenn der gotttrunkene Spinoza die ewige Notwendigkeit preist, wenn Kant erklärt, daß die Vernunft der Natur ihre Gesetze diktiere, — so prüft man, ihnen zuhörend, durchaus nicht nach, ob ihre Urteile richtig oder falsch sind; man stimmt jedem von ihnen bei, was auch immer er sagen mag, und die einzige Frage, die in der Seele entsteht, ist die: Wer ist er, daß er spricht wie einer, der die Vollmacht innehat? Später schüttelt man dann mit Entsetzen, vielleicht mit Empörung und Ekel oder gar ganz gleichgültig alle ihre \\ ahrheiten von sich ab. Man will nicht anerkennen, daß unser Leben nur ein Schatten der echten Wirklichkeit sei; man empört sich gegen den Gott Spinozas, der nicht lieben kann, aber Liebe für sich fordert; Kants kategorischer Imperativ erscheint einem als ein kaltes Ungeheuer; aber man wird weder Plato, noch Spinoza, noch Kant jemals vergessen und wird ihnen ewig dankbar bleiben, — haben sie einen doch glauben gemacht, daß den Sterblichen Macht gegeben sei. Und dann wird man verstehen, daß es in der Philosophie keine Irrtümer und Wahrheiten gibt; daß Irrtümer und Wahrheiten — für jene da sind, über denen es eine höhere Macht, Gesetz und Norm gibt. Die Philosophen hingegen schaffen sich selber Gesetze und Normen: dies lehrt uns die Geschichte der Philosophie, und dies ist das, was der Mensch sich am schwersten zu eigen macht und begreift. Ich sagte bereits, daß die Philosophiehistoriker aus dem Studium der großen menschlichen Schöpfungen eine ganz andere Moral ziehen. 367

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