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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 366

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 366 (sequence 117)
Language
German
Belongs to
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zusammengefaßt werden: trotzdem er nicht vor den himmelschreiendsten Widersprüchen zurückschreckte, ist es ihm nicht gelungen, die Richtigkeit seiner Lehre auch nur einigermaßen überzeugend zu beweisen. Bei der außergewöhnlichen Kraft und Tiefe seines Verstandes, bei der Originalität, Kühnheit und dem Scharfsinn seiner Konstruktionen hat er eigentlich nichts Derartiges gegeben, was unbestreitbar als positiver Gewinn der Philosophie verbucht werden könnte. Ich unterstreiche, daß ich hiermit nicht meine eigene Meinung ausspreche: ich ziehe nur das Fazit der Meinungen der deutschen Kantkritiker, jener selben, die ihm ein monumentum aere perennius errichtet haben. Das gleiche wie von Kant kann man von allen großen Vertretern des philosophischen Denkens sagen, bei Plato und Aristoteles beginnend und bis zu Hegel, Schopenhauer und Nietzsche. Ihre Schöpfungen versetzen uns durch die Kraft, Tiefe, Kühnheit, Schönheit und Originalität ihrer Gedanken in Erstaunen. Solange man sie liest, meint man, die Wahrheit selber spreche aus ihrem Munde. Und was für Vorsichtsmaßnahmen verwendeten sie, um sich nicht zu irren! Sie glaubten an nichts von alledem, woran zu glauben die Menschen gewohnt sind. Sie zweifelten methodisch an allem, revidierten alles zehnmal, hundertmal. Und was brachten sie nicht alles für Opfer: ihr Leben gaben sie für die Wahrheit hin - nicht mit Worten, sondern durch Taten. Dennoch war das Endergebnis das gleiche wie bei Kant: keinem von ihnen ist es gelungen, auch nur ein von Widersprüchen freies System zu finden. Schon Aristoteles kritisierte Plato, die Skeptiker diese beiden, und so bekämpft bis auf unsere Tage jeder neu aufkommende Denker seine Vorgänger, weist ihnen Widersprüche und Irrtümer nach, obwohl er weiß, daß er selber von vornherein zu dem gleichen Schicksal verurteilt ist. Die Philosophiehistoriker bemühen sich vergeblich, diesen am stärksten ins Auge fallenden, im Grunde für niemanden ein Geheimnis darstellenden Zug des philosophischen Schaffens zu verheimlichen. Die Laien und Leute, die überhaupt nicht gern nachdenken und darum die Philosophie verachten wollen, weisen auf das Fehlen von Einigkeit unter den Philosophen als einen Beweis dafür hin, daß es sich nicht verlohne, sich mit Philosophie zu befassen. Aber sowohl die einen wie die anderen sind im Unrecht. Die Geschichte der Philosophie flößt uns nicht nur nicht den Gedanken von der kontinuierlichen Evolution irgendeiner Idee ein, sondern sie überzeugt uns an- 366

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