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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 365

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 365 (sequence 116)
Language
German
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war der weiseste unter den Menschen. Und wer weise sein will, der muß, Sokrates nachahmend, ihm in nichts ähnlich sein. Genau so haben es alle großen Philosophen, alle großen Menschen getan. Was lehrt uns die Geschichte der Philosophie? Der Neukantianismus ist bekanntlich die vorherrschende Richtung in der modernen Philosophie. Die Kant-Literatur ist bis zu einem geradezu unerhörten Umfang angewachsen. Macht man aber den Versuch, sich in der ungeheuren Menge des über Kant Geschriebenen zurechtzutinden und stellt man sich die Frage, was uns eigentlich von Kants Lehre geblieben ist, so werden wir zu unserem größten Erstaunen antworten müssen: Rein gar nichts. Da ist der außerordentlich, unerhört klangvolle o r* Name Kants, und da ist buchstäblich keine einzige Kantsche These, die in unkommentierter Form bis auf uns gelangt wäre. Ich sage : in unkomt> r* mentierter Form, —denn die Kommentare laufen im Grunde auf willkürliche Änderungen hinaus, die häufig sogar äußerlich jegliche Ähnlichkeit mit dem Original verloren haben. Diese Kommentierungen begannen bereits zu Lebzeiten Kants; das erste Reispiel gab Fichte. Ks ist bekannt, wie Kant darauf reagierte: er verlangte, daß seine Lehre nicht nach dem Geiste, sondern nach dem Ruchstaben verstanden werde. I nd Kant hatte selbstverständlich vollkommen recht. Eines von beidem: man nehme seine Lehre so, wie sie ist, oder man denke sich eine eigene aus. Aber es ist nun einmal das Schicksal aller Denker, denen es beschiedeu war, Epochen ihren Namen zu verleihen, daß man ihre Lehren kommentierte, d. h. bis zur Unkenntlichkeit umänderte. Denn nach Verlauf kurzer Zeit stellte sich heraus, daß ihre Ideen derartig mit Widersprüchen beladen sind, daß sie in der Form, wie sie aus den Händen ihrer Schöpfer hervorgingen, schlechthin unannehmbar erschienen. I nd in der Tat kamen alle jene Kritiker, die sich nicht von vornherein dafür entschieden, orthodoxe Kantianer sein zu müssen, zu dem Schluß, Kant habe keine einzige seiner Grundthesen bewiesen. Man kann dies noch stärker ausdrücken: gerade in Anbetracht dessen, daß Kant dank der von ihm eingenommenen Zentralstellung die Aufmerksamkeit sehr vieler auf sich lenkte und einer sehr sorgfältigen Kritik unterzogen wurde, stellte sich allmählich etwas heraus, was man übrigens auch vorher hätte wissen können: seine Lehre setzt sich aus lauter Widersprüchen zusammen. Das Fazit des mehr als hundertjährigen Kantstudiums kann in wenige \\ orte 365

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