Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 364 (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
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wägungen seiner Vernunft habe leiten lassen, sondern der Stimme seines geheimnisvollen Dämons gelauscht habe. Anders ausgedrückt, er enthielt sich zuweilen dieser oder jener Handlungen (sein Dämon gab ihm nie positive Ratschläge, sondern nur negative), selbst wenn er außerstande war. irgendwelche triftigen Gründe anzuführen — einzig und allein deshalb, weil eine geheimnisvolle, aber autoritätvollere Stimme als jegliche menschliche Vernunft, von ihm Enthaltung forderte. Ist es da nicht sonderbar, daß unter solchen Umständen, in einer Epoche, da die Götter den Menschen Wahrheiten gaben, plötzlich ein Mensch den unerklärlichen Wunsch bekam, unter Umgehung der Götter und unabhängig von ihnen, unter Anwendung der bei den Griechen so behebten dialektischen Methode, sich Wahrheiten zu verschaffen?! Es fragt sich, was für uns wichtiger ist: eine Wahrheit zu erlangen oder aus eigener Kraft ein, wenn auch falsches, so doch eigenes Urteil zu gewinnen? Sokrates' Beispiel, das ein Vorbild für alle nachfolgenden Generationen denkender Menschen geworden ist, läßt keinen Zweifel bestehen. Die Menschen brauchen keine fertige Wahrheit, sie wenden sich von den Göttern ab, um sich dem selbständigen Schöpfertum zu widmen. In der Bibel wird ungefähr Ähnliches berichtet. An was, so sollte man meinen, hat es Adam gefehlt? Er lebte im Paradies, in unmittelbarer Nähe Gottes, von dem er alles, was er brauchte, erfahren konnte. Doch nein, das paßte ihm nicht. Kaum hatte die Schlange ihren tückischen Vorschlag gemacht, als auch schon der Mensch, Gottes Zorn und alle ihm drohenden Gefahren vergessend, den Apfel vom verbotenen Baume pflückte. Und da spaltete sich die früher, d. h. vor der Erschaffung der Welt und des Menschen, einheitliche Wahrheit und zersplitterte sich in eine große, vielleicht unendlich große Anzahl mannigfaltigster Wahrheiten, die ewig geboren werden und ewig wieder sterben. Das war der siebente, in der Geschichte nicht verzeichnete Schöpfungstag. Der Mensch war zum Mitarbeiter Gottes geworden, er ward selbst Schöpfer. Sokrates verzichtet auf die göttliche Wahrheit und äußert sich sogar verächtlich über sie, sie sei nicht bewiesen, d. h. trage keine Spuren von Menschenhand an sich. Auch Sokrates selber hat ja eigentlich nichts bewiesen, aber er suchte zu beweisen, w ar schöpferisch tätig und erblickte hierin den Sinn seines eigenen wie auch jeglichen menschlichen Lebens. Darum wahrscheinlich wird der Spruch des delphischen Orakels auch heute wahr erscheinen: Sokrates 364