Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 363 (sequence 114)
- Language
- German
- Belongs to
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bedeutet das eigentlich? Wollte Sokrates in diesem Falle die Dichter mit Papageien oder gelehrigen Drosseln vergleichen, die mit Hilfe des Menschen als Lehrer irgendwelche beliebigen, für sie ganz unfaßbaren Gedanken auswendig lernen können? Wohl kaum. Sokrates war wohl kaum der Ansicht, daß die Dichter das, was sie sagen, irgend jemandem ablauschten und mechanisch auswendig lernten, obwohl es ihrer Seele ganz fremd bleibe. Am wahrscheinlichsten ist wohl, daß er die Worte „„nicht verstehen" in jenem Sinne gebrauchte, sie wüßten die Richtigkeit und Begründetheit ihrer Gedanken nicht zu beweisen, nicht zu erklären, d. h. sie aus einer bestimmten Weltanschauung abzuleiten und sie mit dieser zu verknüpfen. Sokrates war bekanntlich der Meinung, daß nicht nur die Dichter, sondern alle Menschen, von den hervorragenden Staatsmännern bis zu den ungebildeten Handwerkern, Urteile und sogar viele Urteile haben, aber niemals zu erklären wissen, woher sie diese l rteile haben, und sie nicht miteinander in Einklang bringen können. In dieser Hinsicht seien die Dichter ebensolche Menschen wie alle übrigen: sie bezögen ihre Wahrheiten, die häufig groß und tief waren, aus irgendeiner geheimnisvollen Quelle, wüßten sie aber weder zu beweisen noch zu erklären. Sokrates erschien dies sehr bedauerlich, ja sogar als ein wahres Unglück. Ich weiß nicht, wie es kam, daß kein einziger Philosophiehistoriker dies erklärt hat, ja sich auch nur ein wenig dafür interessiert hat, — Sokrates indes kam aus irgendeinem Grunde zu der Entscheidung, n n ■ daß eine unbewiesene und unerklärte Wahrheit weniger ert habe als eine bewiesene und erklärte. Heutzutage, da man den sokratischen Gedanken in eine ganze Theorie, ja sogar Weltanschauung verwandelt hat, erscheint diel rteil so natürlich und selbstverständlich, daß niemand jemals an ihm aueh nur zweifelt. Im Altertum aber verhielt es sich damit anders. Im Grunde nahm Sokrates an, daß die Dichter ihre Wahrheiten, die sie nicht zu beweisen wußten, aus einer sehr achtbaren und durchaus vertrauenswürdigen (Quelle bezögen: vergleicht doch er selber die Dichter mit Orakeln und nimmt folglich an, daß sie Verkehr mit den Göttern hätten. F> ist also eine ganz vorzügliche Garantie dafür vorhanden, daß die Dichter sieh im Besitze der echten, unverfälschten Wahrheit befanden; die Bürgschaft für ihre Unverfälschtheit war ja die göttliche Autorität. Sokrates erzählt, daß auch er selber nicht selten bei seinen Handlungen sich nicht von den Er- 363