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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 362

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 362 (sequence 113)
Language
German
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So sonderbar und launisch unsere Erlebnisse auch sein mögen, so wenig sie auch mit den eingewurzelten und herrschenden Vorstellungen vom verbindlichen Charakter des inneren und äußeren Lebens in Einklang stehen mögen, — so erwerben sie doch, wenn sie einmal in der Seele des Menschen Platz hatten, schon ipso facto ein legitimes Recht, neben den beweisenden, der Kontrolle und Nachprüfung, ja sogar dem beabsichtigten Experiment zugänglichen Tatsachen zu bestehen. Man wird einwenden, daß wir dann nicht vor böswilligem Betrug gesichert sein würden: Leute, die nie im Paradies gewesen sind, werden sich als Mohammede ausgeben. Das alles ist richtig: es wird geredet und gelogen werden. Und es wird keine Methode objektiver Kontrolle geben. Aber es wird ja doch auch Wahres erzählt werden. Und um solche Wahrheit zu retten, kann man sich entschließen, einen ganzen Ozean von Lüge zu durchschwimmen. Ja, wenn man will, ist es gar nicht so unmöglich, in diesem Gebiet Wahrheit von Lüge zu unterscheiden, obwohl selbstverständlich nicht nach jenen Merkmalen, welche die Logik ausgearbeitet hat. Und sogar nicht einmal nach Merkmalen, sondern ohne jegliche Merkmale. Sind doch beispielsweise die Merkmale des Schönen bisher auch nicht einmal annähernd definiert und werden auch, so Gott will — dies soll keine Spitze gegen die Deutschen sein — nie definiert werden, einen Apoll und eine Venus aber wissen wir doch zu erkennen. So ist es auch mit der Wahrheit: man kann auch sie erkennen. Wenn aber jemand nicht ohne Merkmale zu unterscheiden weiß, es zudem auch nicht will? Was fängt man mit ihm an? Wahrhaftig, ich weiß es nicht; zudem meine ich durchaus nicht, es sei notwendig, daß alle bis auf den letzten übereinstimmend handeln. Wann wäre es auch je vorgekommen, daß alle einmütig handelten? Die Menschen handelten meist verschieden, sich in manchem treffend, in anderem auseinandergehend. Und — es soll so geschehen! Die einen werden die W ahrheit nach Merkmalen erkennen und suchen, die anderen werden es ohne jegliche Merkmale tun, wie Gott es der Seele befiehlt, und die dritten — auf beide Arten. Der siebente Schöpfungstag Sokrates erzählt, daß er häufig Gelegenheit gehabt habe, von Dichtern Gedanken zu hören, die bemerkenswert waren durch ihre Tiefe, ihren Ernst; habe er sie aber ausführlicher ausgefragt, so sei er zu der Überzeugung gekommen, daß sie selbst nicht verstehen, was sie sagen. Was 362

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