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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 361

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 361 (sequence 112)
Language
German
Belongs to
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bare Erscheinungen. Bei der Jagd nach Beweisen, nach Überzeugungskraft und Faßbarkeit, mußte das Wichtigste und Wesentlichste geopfert und das in den Vordergrund geschoben werden, was sich mit der Vernunft in Ubereinstimmung bringen läßt, d. h. schon mehr oder weniger Bekanntes und darum wenig Interessantes und Unwichtiges. Im Laufe der Zeit, in dem Maße, als die sog. Experimentalwissenschaft immer mehr und mehr in Kraft trat, faßte die Gewohnheit, alles das, was nicht ad oculos demonstriert werden kann, für sich zu behalten, immer fester Wurzel und wurde den Menschen fast zur zweiten Natur. Heutzutage teilen wir unseren Nächsten schon ,,ganz natürlich" nur einen geringen Teil unserer Erfahrung mit, so daß es also Mohammed oder Saulus, w enn sie zu unseren Zeiten lebten, gar nicht einfallen würde, von ihren ungewöhnlichen Erlebnissen zu erzählen. So kühn Nietzsche auch gewesen ist, so erzählt er doch von der ewigen Wiederkunft nur >o nebenher und ist bedeutend mehr damit beschäftigt, von der Moral des L bermensehen zu predigen, die zwar die Menschen anfangs verblüffte, immerhin aber schließlich mehr oder weniger verändert angenommen wurde, da ihr Beweiskraft innewohnte. Wir stehen offenbar vor einem großen Dilemma: wenn wir nach wie vor die moderne Methodologie kultivieren, >o lauten wTir Gefahr, uns derart an sie zu gewöhnen, daß wir die Fähigkeit verlieren werden, nicht nur den anderen Menschen alle unbeweisbaren und außerordentlichen Erlebnisse mitzuteilen, sondern sogar sie einigermaßen dauerhaft im Gedächtnis zu behalten. Sie werden ebenso in \ ergessenheit geraten wie die Träume, sie werden sogar als Träume im Wachzustand erscheinen. Auf diese Weise werden wir uns ein tür allemal von einem ungeheuren Gebiet der Wirklichkeit abschneiden. de>sen Sinn und Bedeutung jedenfalls noch bei weitem nicht enträtselt und bewertet sind. In alten Zeiten wußte man Traumgesichte und Halluzinationen von Wahnsinnigen der Wirklichkeit einzugliedern; wir hingegen gehen dahin, die echte, unzweifelhafte Wirklichkeit zu beschneiden, indem w ir sie dem Gebiet der Halluzinationen und Träume zurechnen. Ich glaube, daß selbst ein moderner Mensch sich nicht ohne Zaudern auf Seiten unserer Methodologie stellen wird, selbst wenn er, nach dem Vorbild der Alten, zu denken unfähig ist, daß die Träume ein bei weitem nicht gänzlich unnützes Ding sind. Verhält es sich aber so, so dürfen also die Rechte der Erlebnisse keineswegs durch den Grad ihrer Beweiskraft bedingt werden. 361

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