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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 359

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 359 (sequence 110)
Language
German
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ein angenehmes, das Leben erleichterndes, aber erniedrigendes Geschenk. Für die Ruhe, für die Freude des durch nichts getrübten Lebens hat er sein Erstgeburtsrecht, das große Recht des freien Schöpfertums hingegeben. Er begreift nicht, wieso der Titan Goethe sich durch die Verlockungen eines angenehmen Lebens hat verführen lassen können, er verdächtigt die Aufrichtigkeit Spinozas. Es ist etwas faul im Staate Dänemark! Der Apfel vom Baum der Erkenntnis wird für ihn, selbst wenn der Weg zu ihm über die größten Qualen führen sollte, zum einzigen Lebensziel. Und wie sonderbar: es ist, als wäre die Natur selber darum besorgt, den Menschen auf diesen wahnsinnigen, verhängnisvollen Weg zu stoßen. o 7 o?? Es tritt in unserem Leben ein Zeitpunkt ein, da irgendeine gebieterische geheime Stimme uns verbietet, daß wir uns der Schönheit und Majestät des Weltgebäudes freuen. Die Welt lockt uns nach wie vor. gewährt uns aber bereits keine reine Freude. Man denke an Tschechow. \\ ie sehr liebte er die Natur, und welch maßloses Gefühl der Bitterkeit klingt aus seinen herrlichen Naturbeschreibungen heraus! Es ist, als ob jedesmal, wenn er den blauen Himmel, das stürmende Meer oder den grünen \\ ald betrachtet, irgendwer ihm mit gebieterischer Stimme zuflüsterte: Das alles ist bereits nicht mehr dein, wohl kannst du das alles noch sehen, aber du bist bereits nicht mehr berechtigt, dich darüber zu freuen. Du lebst zwar noch, aber du bist schon gestorben für dieses Leben. Bereite dich vor auf ein anderes Sein, wo es kein Gegebenes, Vollendetes, Fertigegeben wird, wo es kein Geschaffenes geben wird, wo nur grenzenloses Schöpfertum sein wird. Alles aber, was in dieser Welt ist, unterliegt der Zerstörung, " r* r* der Zerstörung und abermals der Zerstörung, sogar diese Natur, die du so leidenschaftlich liebst und auf die zu verzichten dir so schwer und schmerzlich ist. Alles treibt uns in das geheimnisvolle Gebiet des ewig r* r* Phantastischen, des ewig Ungeordneten und vielleicht ~ wer weiß? - des ewig Schönen . . . Experiment und Beweise Als Descartes sein ,,cogito ergo sum" einfiel, vermerkte er diesen Tag — den 10. November 1619 — als einen bemerkenswerten Tag. ..Mich hat das Licht einer erstaunlichen Entdeckung erleuchtet", trug er in sein Tagebuch ein. Das gleiche erzählt von sich Schelling: im Jahre 1801 „erblickte er das Licht6". Auch an Nietzsche vollzog sich eine große Meta-?s P morphose, als er durch die Berge und Täler des Engadin wanderte: er 3.19

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