Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 357 (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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überempirische Welt für eine goldene, für eine Welt aus Brillanten oder Perlen halten, — weil Gold, Brillanten und Perlen sehr wertvoll sind. So pflegt es auch gewöhnlich zu sein. Sogar Gott stellt man sieh gewöhnlieh glänzend von Gold und Edelsteinen, mächtig, allwissend usw. vor. Man nennt ihn den König der Könige, da das Los der Gekrönten auf Erden als das beneidenswerteste gilt. Sinn und Bedeutung der idealistischen Philosophie erblickt man darin, daß sie auf ewig alles das festige, was wir während unseres kurzen Daseins auf Erden an Wertvollem fanden. Hierin liegt meines Erachtens ein verhängnisvoller Irrtum. Die idealistische Philosophie hat allerdings Anlaß gegeben, falsch ausgelegt zu werden, denn sie hüllte sich gern in prunkvolle, pomphafte Gewänder. Sogar die Religion suchte sich bei fast allen Völkern stets äußerlieh schöne Formen aus, ohne selbst vor einem so offenkundigen Paradoxon (um es nicht stärker auszudrücken) haltzumachen, wie es das goldene, brillantenverzierte Kreuz ist. Und vor lauter Prunkworten und goldenen Kreuzen übersahen die Menschen die großen Wahrheiten, ja vielleicht große Möglichkeiten. Auch die Schulphilosophie kostümierte sieh gern, da sie meinte, daß sie in dieser Hinsicht nicht hinter den Lehrern zurückstehen dürfe, und vergaß häufig über dem Kostümieren ihre eigentliche Aufgabe. Plato lehrte, unser Leben sei nur der Schatten einer anderen Wirklichkeit. \\ enn dies richtig ist, wenn er die Wahrheit entdeckt hat, so bestände ja «loch unsere erste Aufgabe darin, ein anderes Leben zu leben, unseren Rücken der Wand zuzukehren, an der die Schatten entlanghuschen, und unser Gesicht jener Lichtquelle zuzuwenden, welche die Schatten erzeugte, oder jenen Gegenständen, von denen die sichtbaren Schattenumrisse uns eine nur entfernte Vorstellung geben. Wir müssen wenigstens teilweise erwachen, zu diesem Zweck aber müssen wir das tun, was man mit einem in tiefen Schlaf versunkenen Menschen zu tun [»Hegt: man muß ihn rütteln, ihn zwicken, schlagen, kitzeln, muß vielleicht, wenn das alles nicht wirkt, zu noch kräftigeren, zu heroischen Mitteln greifen. Jedenfalls dürfte man keineswegs Beschaulichkeit empfehlen, die den Menschen noch mehr einschläfern würde, und Ruhe, die zu dem gleichen Ergebnis führt. Die Philosophie muß leben von Sarkasmus, Spott, l nruhe, kampt, Zweifel, Verzweiflung, großen Hoffnungen, und darf sich Beschaulichkeit und Ruhe nur von Zeit zu Zeit, als Atempause, gestatten. L nd dann wird es ihr vielleicht gelingen, neben realistischen Traumgesichten eine