Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 356 (sequence 107)
- Language
- German
- Belongs to
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jektiv, und das, was Kant die synthetischen Urteile a priori nennt, vermittelst derer unsere Vernunft die Natur formt und ihr Gesetze diktiert, spielt in unserem Leben eine große und sehr ernsthafte Rolle. Wir schaffen so etwas wie einen Maja-Schleier, d. h. wir wachen schlafend und schlafen wachend, als hätte irgendeine Zauberkraft uns verzaubert. I nd. wie das im Schlaf zu sein pflegt, haben wir manchmal, wenn auch nur für einen Augenblick, das Gefühl, als w äre das, was mit uns geschieht, eine Art Halbschlaf, ein halbes, unwirkliches Leben. Schopenhauer und die Buddhisten hatten recht, als sie behaupteten, es sei in gleicher Weise unrichtig, von dem Maja-Schleier, d. h. der uns zugänglichen Welt, zu sagen, daß er existiere, wie auch, daß er nicht existiere. Zwar gestattet die Logik keine solchen Urteile und verfolgt sie aufs hartnäckigste, da sie eines ihrer Grundgesetze verletzen. Aber da läßt sich nichts machen: wenn man zu wählen hat zwischen der verlockenden und vielversprechenden Philosophie und der inhaltslosen Logik, wird man stets die letztere der ersteren zuliebe opfern. Die Philosophie aber wäre ohne widersprechende Urteile entweder zu ewigem Schweigen verdammt, oder sie würde sich in einen Sumpf von Gemeinplätzen verwandeln und zunichte werden: die Philosophen wissen das. In unserem Falle haben wir das gleiche: es muß zugegeben werden, daß wir gleichzeitig sowohl wach sind als auch träumen, es muß sogar zuweilen zugegeben werden, daß wir zwar leben, aber schon längst gestorben sind. Und als Lebende halten wir uns nun immer noch an die synthetischen Urteile a priori, als Tote indes bemühen wir uns, ohne sie auszukommen oder andere LTrteile an deren Stelle zu setzen, die oftmals mit ihnen nichts gemein haben, ja ihnen sogar widersprechen. Die Philosophie befaßt sich außerordentlich sorgfältig hiermit — und hierin, nur hierin besteht der Sinn jener idealistischen Strömung, die, von Plato beginnend, niemals aus der Geschichte verschwunden ist. Nicht darum handelt es sich, statt der sichtbaren und allen zugänglichen, sog. realistischen Welt eine andere, ursprüngliche, bessere und ewige Welt zu finden, - wie die idealistische Philosophie gewöhnlich von ihren offiziellen und leider einflußreichsten Vertretern ausgelegt wird. Derartige Auslegungen tragen allzu deutliche Spuren ihrer empirischen, utilitaristischen Herkunft; sie bringen uns ebensowenig dem überempirischen Sein nahe wie jene Begriffe, mit denen wir das Wert volle im Leben definieren. Mit dem gleichen Recht könnte man die 356