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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 355

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 355 (sequence 106)
Language
German
Belongs to
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IRI
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sich Wissenschaft zu nennen? Hin und wieder haben es die Mensehen auch getan. Es hat Epochen der Nüchternheit gegeben, in denen die Jagd nach positivem Wissen sich aller bemächtigte, die zu geistiger Arbeit fähig waren. Oder vielleicht sind das Epochen gewesen, in denen .Menschen, die nach irgend etwas anderem außer positivem \\ issen suchten, zu allgemeiner Verachtung verurteilt waren und unbeachtet blieben: iu solchen Zeiten hätte Plato keine Sympathie gefunden und wäre unbekannt gestorben. Jedenfalls unterliegt das eine keinem Zweifel: wessen Interesse für unbeweisbare Wahrheiten das vorherrschende Interesse und die wichtigste treibende Kraft des Lebens ist, der ist zu vollständiger oder relativer „Unfruchtbarkeit" in jenem Sinne verurteilt, wie dies \\ ort gewöhnlich aufgefaßt wird. Ist er ein kluger und begabter Mensch, so wird man sich vielleicht für seine Begabung interessieren, aber mit O ü Gleichgültigkeit, Verachtung und sogar Entsetzen an seinem eigentlichen Werk vorübergehen. Und man wird warnen vor ibm mit den Worten: Seht, wie sein Antlitz voller Harm, Des Wahnsinns Wolken ihn urnnachten, Seht, wie er krank und nackt und arm, Wie alle Leute ihn verachten! Ist denn nicht das Werk der Propheten, die nach letzten Wahrheiten suchten, eine unfruchtbare, überflüssige Aufgabe gewesen? Hat denn das Leben sie berücksichtigt? Das Leben ging seinen Lauf, und die Stimmen der Propheten waren, sind und werden sein Stimmen von Rufenden in der Wüste. Denn das, was sie sehen, was sie wissen, kann nicht bewiesen werden und unterliegt keinem Beweis. Die Propheten sind immer einsame, losgelöste, von allen abgeschnittene, in ihrem verschlossenen Stolz ohnmächtige Menschen gewesen. Die Propheten sind Könige ohne Armeen. Bei all ihrer Liebe zu ihren Untertanen können sie für diese nichts tun, denn Untertanen achten nur Könige, die über eine bedrohliche Kriegsmacht verfügen. Und — es soll so geschehen! Die Grenzen der Wirklichkeit Selbst der konsequenteste und überzeugteste Realist stellt sich das Leben nie so vor, wie es in Wirklichkeit ist. Er übersieht vieles und sieht umgekehrt häufig Dinge, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind. Ich denke, daß dies keiner Erläuterung durch ein Beispiel bedarf. Bei all unserem Bestreben, objektiv zu sein, sind wir schließlich äußerst sub- 355

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