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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 354

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 354 (sequence 105)
Language
German
Belongs to
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werden können, mit der sieh uns die sichtbare und wahrnehmbare Welt offenbart. Nicht nur andere — auch dich selber wirst du nicht mit jener Deutlichkeit von deiner Wahrheit überzeugen können, mit der man jedermann ohne Ausnahme von wissenschaftlichen Wahrheiten zu überzeugen vermag. Offenbarungen sind — selbst angenommen, daß sie vorkommen — stets Augenblicksoffenbarungen. Mohammed konnte, erklärt Dostojewskij, selbst wenn es ihm auch glückte, ins Paradies zu gelangen, nur ganz kurze Zeit dort bleiben, eine halbe bis fünf Sekunden. Und auch Dostojewskij selber pflegte nur einen Augenblick ins Paradies zu geraten. Hier aber, auf Erden, lebten sie jahrelang, jahrzehntelang, und die Hölle des Erdendaseins schien kein Ende zu nehmen. Die Hölle war offensichtlich, beweisbar, man konnte sie fixieren, sie ad oculos demonstrieren. Wie soll man das Paradies beweisen? Wie diese halben Sekunden paradiesischer Glückseligkeit fixieren, wie sie offensichtlich machen, die ja doch äußerlich in häßlichen und furchtbaren epileptischen Anfällen mit Konvulsionen. Krämpfen, Schaum vor dem Munde, zuweilen, bei ungeschicktem, unerwartetem Hinfallen, auch mit Blut, zum Ausdruck kamen?! Wiederum kann man sagen: So ihr wollt, glaubt es, so ihr nicht wollt, laßt es bleiben. Ein Mensch aber, der bald im Paradies, bald in der Hölle lebt, nimmt ja doch das Leben so ganz anders wahr als die übrigen Menschen! Und er will annehmen, daß er recht habe, daß seine Erfahrung sehr wertvoll sei, daß das Leben durchaus nicht so aussehe, wie Menschen anderer Erfahrung und mit beschränkterem Erleben es darstellen. Wie gern hätte Dostojewskij jedermann von seinem Rechthaben überzeugt, wie hartnäckig suchte er zu beweisen und wie sehr ärgerte er sich wegen des in der Tiefe seiner Seele lebenden Bewußtseins, daß er ohnmächtig sei, irgend etwas zu beweisen! Aber die Tatsache bleibt Tatsache. Epileptiker und Wahnsinnige wissen vielleicht um Dinge, von denen normale Menschen nicht einmal eine entfernte Ahnung haben, aber ihr Wissen anderen mitzuteilen, es zu beweisen, ist ihnen nicht gegeben, Und überhaupt gibt es ein Wissen — und gerade dieses ist der Gegenstand philosophischen Suchens —, dessen man zwar teilhaftig zu werden vermag, das man aber seinem Wesen nach nicht allen mitteilen, d. h. nicht in nachgeprüfte und einleuchtende, allgemein verbindliche Wahrheiten verwandeln kann. Darauf verzichten, damit die Philosophie das Recht erlange, 354

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