Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 104)
- Language
- German
- Belongs to
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wendig, als sie nicht über eine gewisse Grenze hinausgehen. Man kann die Konstruktion einer Lokomotive „verstehen"4. Auch sind wir berechtigt, nach einer Erklärung einer Sonnenfinsternis oder eines Erdbebens zu suchen. Aber es kommt ein Moment — wir können ihn nur nicht genau bestimmen —, da Erklärungen jeglichen Sinn verlieren und ganz unnötig sind. Es sieht fast so aus, als führte man uns am Gängelband des Gesetzes vom zureichenden Grunde bis an einen bestimmten Punkt, um uns dann uns selbst zu überlassen: Gehet hin, wohin ihr wollt. Im Laute unseres langen Lebens gewöhnen wir uns derartig an dies Gängelband, daß wir zu glauben beginnen, es gehöre zum esen der \\ elt selber, und das Gängelband als solches enthalte ein großes Geheimnis, das größte aller Geheimnisse. Einer der bedeutendsten Denker. Spinoza, meinte, daß sogar Gott selbst durch die Notwendigkeit gebunden sei. Jedermann möge sich aufmerksam in sich selbst vertiefen, und er wird zu der Überzeugung kommen, daß er ohne Spinozas \ oraussetzung nieht nur nicht denken, sondern sogar fast nicht existieren kann. Humes \\ erk, der die Voraussetzung von der kausalen Notwendigkeit so glänzend bestritten hat, war nur halb getan: es läßt sich nieht beweisen, daß ein notwendiger Zusammenhang besteht, — das hat er klargemacht. Aber auch die entgegengesetzte Behauptung läßt sich nicht beweisen. So ist alles beim alten geblieben: Kant und nach ihm die ganze Menschheit sind zum Standpunkt Spinozas zurückgekehrt. Die Freiheit vertrieb man in die intelligible Welt, das unbekannte Land, aus dem kein \\ anderer zu uns zurückkehrte, und alles ist nach wie vor an seinem Platz: die Philosophie will um jeden Preis Wissenschaft sein. Dies gelingt ihr absolut nicht, aber der Preis, den sie für das Recht zahlte, sich \\ isserischaft zu nennen, wird ihr bereits nicht mehr zurückerstattet. Sie hat auf das Recht verzichtet, das, was sie braucht, wo es ihr beliebt zu suchen, und dieses Recht wurde ihr offenbar für immer genommen. Ja, hat sie es denn gebraucht? Wirft man einen Blick auf die moderne Philosophie, so kann man ohne Schwanken sagen, daß sie so ein Recht gar nicht benötigt hat. Nicht irrtümlicherweise und sogar nicht auf der Jagd nach einem neuen Rang hat sie auf ihre große Berufung verzichtet - sie ist für sie zu einer unerträglichen Last geworden. So schwer es auch fällt, dies einzugestehen, so unterliegt doch keinem Zweifel, daß die großen Geheimnisse des Weltgebäudes nicht mit jener Klarheit und Deutlichkeit aufgezeigt