Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 352 (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
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die anderen Wissenschaften jene Urteile beweisen, die sie unter ihre Obhut genommen hat. Sie glaubte, wenn sie auf die Pflicht des Beweisens verzichtete, alle ihre Rechte zu verlieren. Und hierin, so ist anzunehmen, bestand ihr verhängnisvoller Fehler. Die Übereinstimmung von Rechten und Pflichten ist vielleicht die Kardinalwahrheit (besser gesagt: die Kardinalfiktion) der Lehre vom Recht, auf das Gebiet der Philosophie aber wurde sie irrtümlicherweise übertragen. Hier herrscht eher das entgegengesetzte Prinzip: die Rechte sind den Pflichten umgekehrt proportional. Und erst dort, wo alle Pflichten aufhören, wird das größte, wichtigste, souveräne Recht erworben — das Recht des Verkehrs mit den letzten Wahrheiten. Wobei für keinen Augenblick zu vergessen ist, daß die letzten W ahrheiten fast nichts gemein haben mit den mittleren Wahrheiten, deren logische Konstruktion wir nun schon im Laufe von mehr als zwei Jahrtausenden so sorgfältig und gewissenhaft studieren. Ihr grundlegender Unterschied besteht darin, daß die ersteren schlechthin unverständlich sind. Unverständlich, ich unterstreiche dies —jedoch nicht unerreichbar. Allerdings sind die mittleren Wahrheiten eigentlich auch unverständlich. Wer wollte behaupten, daß er Licht, Wärme, Schmerz, Stolz, Freude, Erniedrigung verstehe? Immerhin aber hat unsere Vernunft im Bunde mit der allbesiegenden Gewohnheit, mit Hilfe einiger Notbehelfe, der Gesamtheit der Erscheinungen innerhalb des uns zugänglichen Abschnittes des Weltall-Lebens eine gewisse Harmonie und Einheit verliehen, und das gilt seit unvordenklichen Zeiten als verständliche Erklärung des Weltgebäudes. Aber die bekannte, d. h. gewohnte Welt ist in reichlichem Maße unverständlich, so daß die Gewissenhaftigkeit es erfordert, Unverständlichkeit als das Grundprädikat des Seins anzuerkennen. Man kann nicht, wie dies manche tun, behaupten, daß wir die Welt nur deshalb nicht verstünden, weil vor uns manches verborgen oder weil unsere Vernunft schwach sei, so daß, wenn das Allerhöchste Wesen uns das Geheimnis des Weltgebäudes offenbaren wollte, oder wenn im Laufe der nächsten Milliarde von Jahren das Gehirn des Menschen sich derart entwickeln würde, daß er uns ebensosehr überträfe, wie wir unseren offiziellen Vorfahren, den Affen, übertreffen, die Welt verständlich werden würde. Nein, nein und nein! Im Grunde genommen sind jene Operationen, die wir an der Wirklichkeit vornehmen, um sie zu verstehen, nur so lange nützlich und not- 352