Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 351 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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liege. Zum Glück aber verhält es sich damit anders. Vielleicht ist es der Menschheit nicht beschieden, sich in dieser Hinsicht jemals zu ändern, vielleicht werden die Menschen auch in tausend Jahren viel mehr \\ ert auf die theoretischen und praktischen ,,Folgerungen" aus einer Wahrheit legen, als auf die Wahrheit selbst, — die wahren Philosophen aber, d.h. Menschen, die wissen, was sie brauchen und zu erreichen suchen, wird das wohl kaum stören. Sie werden nach wie vor ihre Wahrheiten aussprechen, ohne sich im geringsten darum zu kümmern, was für Folgerungen aus ihren Wahrheiten die Liebhaber der Logik ziehen werden. Bewiesene und unbewiesene Wahrheiten Woher haben wir die Gewohnheit, für jeden ausgesprochenen Gedanken Beweise zu fordern? Ubergeht man die Erwägung (dir im gegebenen Falle für uns keine entscheidende Bedeutung hat), daß die Menschen häufig absichtlich ihre Nächsten aus Eigennutz oder um anderer Vorteile willen betrügen, so fällt eigentlich die Notwendigkeit von Beweisen gänzlich fort. Zwar ist auch noch Selbstbetrug, sind eigene unwillkürliche Irrtümer möglich. Zuweilen hält man ein Phantasiegebildc für Ö H Wirklichkeit - und möchte sich vor einem so ärgerlichen Irrtum bewahren. Sobald aber die Möglichkeit aufrichtigen Irrtums beseitigt ist, werden die Beweise ipso facto überflüssig. Und dann kann man bereits einfach erzählen, ohne jegliche Argumente, Erörterungen und Berufungen. \\ ollt ihr — so glaubet, wollt ihr nicht - so laßt es bleiben. L ud es gibt ein Gebiet, gerade jenes, das die hervorragendsten Vertreter des Menschengeschlechts stets besonders anzog, auf welchem gerade Beweise, w ie allgemein anerkannt, unmöglich sind. Man hat uns bisher gelehrt, daß man von dem, was sich nicht beweisen läßt, auch nicht sprechen solle. \\ eit schlimmer, wir haben unsere Sprache so eingerichtet, daß wir im Grunde genommen alles, was wir auch sagen mögen, in Form von L rteilen aussprechen, d. h. in einer Form, die nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit von Beweisen voraussetzt. Vielleicht ist gerade deshalb die Metaphysik Gegenstand ständiger Angriffe gewesen. Sie stellt wohl Behauptungen auf, kann sie aber nicht beweisen. Nebenbei bemerkt, hat die Metaphysik offenbar eine Ausdrucksform für ihre \\ ahrheiten, die sie von der Pflicht des Beweisens befreite, nicht nur nicht zu rinden vermocht, sondern es auch nicht gewollt. Sie hielt sieh für eine Wissenschaft par excellence und meinte darum, sie müsse noch mehr und strenger als 351