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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 350

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 350 (sequence 101)
Language
German
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trage, daß es nur „an und für sich" existiere, sich selbst genüge. Ja, wenn irgend jemand dies sagte, was würde man ihm da antworten? Man würde nicht streiten. — wie sollte man auch mit einem Menschen streiten, der weder diskutieren noch beweisen will! Die einzige Antwort wäre ein Appell an das Volksurteil, an die Lynchjustiz. Die Menschen sind so schwach und naiv, daß sie in jedem Philosophen um jeden Preis einen Lehrer im gewöhnlichen Sinne des Wortes erblicken wollen. Sie wollen, anders gesprochen, ihm die ganze Verantwortung für alle ihre Handlungen, für ihre Gegenwart und Zukunft, für ihr ganzes Schicksal aufbürden. Wurde doch Sokrates nicht wegen seiner Lehre getötet, sondern weil er nach Ansicht der Griechen für Athen gegefährlich war. Und zu allen Zeiten ging man mit diesem Kriterium an die Wahrheit heran. Als ob in der Tat von vornherein bekannt wäre, daß die W ahrheit nützlich sein und vor Gefahren schützen müsse. Eine der erhabensten Lehren, das Christentum, wurde ebenfalls deshalb verfolgt, weil es den unberufenen Beschützern gefährlich erschien. Wenn man will, war es sogar in der Tat für die römischen Ideale sehr gefährlich. Selbstverständlich hat weder der Tod des Sokrates noch der Tod Tausender von Urchristen die antike Kultur und das antike Staatswesen vor der Zersetzung bewahrt, aber diese Erfahrung hat niemanden etwas gelehrt. Die Menschen meinen, das alles wären zufällige Irrtümer, vor denen in alten Zeiten niemand gesichert war, die aber sich nicht mehr wiederholen werden, und darumfahren sie nach wie vor fort, aus jeder Wahrheit ..Folgerungen" zu ziehen und nach den gewonnenen Folgerungen die Wahrheit zu beurteilen. Und sie tragen die verdiente Strafe davon: trotzdem es auf Erden nicht wenige Weise gegeben hat, die viel Derartiges wußten, das bedeutend wertvoller als alle jene Schätze ist, um derentwillen die Menschen selbst in den Tod zu gehen bereit sind, erscheint uns die Weisheit als ein Buch mit sieben Siegeln, als ein verborgener Schatz, der sich nicht greifen läßt. Viele, die ungeheure Mehrheit, sind sogar ernsthaft überzeugt, daß die Philosophie die langweiligste und qualvollste Beschäftigung sei, zu der einige Unglückliche verdammt sind, die das Privilegium odiusum haben, Philosophen genannt zu werden. Mir scheint, daß nicht selten sogar Philosophieprofessoren — solche aus der Zahl der „Gescheiteren"-diese Meinung teilen und sogar der Ansicht sind, daß hierin das letzte, nur Eingeweihten bekannte Geheimnis ihrer „Wissenschaft" 350

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