Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 349 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823773--1336-2825152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
kollektivem Schaffen. Eine Wahrheit, die nicht für alle und für immer, auf Innen- und Außenmärkten taugt, sei keine Wahrheit. Sogar ihr Wert werde vielleicht durch das Quantum der auf sie verwendeten Mühe bedingt. Marx könnte triumphieren: seine Theorie hat unter verschiedenen Flaggen Zutritt in alle Sphären des modernen Denkens gefunden. Es wird sich wohl kaum auch nur ein einziger Philosoph finden, der -ieh bereit erklären würde, die von mir vorgeschlagene Methode der Nachprüfung der Wahrheit anzuwenden. Und es würde sich wohl kaum auch nur eine einzige moderne Idee finden, die dieser Probe standhielte. Lehre und Schlüsse Will man einen neuen Gedanken zugrunde richten, so bemühe man sieh, ihm zu möglichst weiter Verbreitung zu verhelfen. Die Menschen werden beginnen, sich in ihn hineinzudenken, ihn ihren laufenden Bedürfnissen anzupassen,ihn auszulegen, Schlußfolgerungen aus ihm zu ziehen, kurzum, ihn in ihren fertigen logischen Apparat einzuzwängen, oder, genauer gesprochen, sie werden ihn mit Bruchstücken ihrer eigenen gewohnten, verständlichen Gedanken verschütten, — und er wird ebenso tot werden wie alles, was die Logik erzeugt. Vielleicht läßt sich daraus das Bestreben der Philosophen erklären, ihre Gedanken in eine Form zu hüllen, die dem großen Publikum den Zutritt zu ihnen erschwert. Die Mehrzahl der philosophischen Systeme ist verworren und unklar dargelegt, so daß nicht jeder gebildete Mensch sich in ihnen zurechtfinden kann. Man richtet ungern sein eigenes Kind zugrunde, und jedermann schützt es, w ie er kann, vor vorzeitigem Tode. Am gefährlichsten für den Gedanken sind die Folgerungen, die gleichsam selbstverständlich sind. Er setzt sie durchaus nicht voraus, sie werden ihm gewöhnlich aufgezwungen. In der Tat -^agt man ja doch sehr oft: Der Gedanke wäre ja ganz schön, aber er führt zu schlechthin unannehmbaren Folgerungen. Und umgekehrt, w ie häutig ist der Philosoph Zeuge folgenden traurigen Schauspiels : seine Schüler geben alle seine Gedanken auf und nähren sich nur von den Folgerungen aus ihnen. Jeder Denker, der das Unglück hatte, noch zu Lebzeiten die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, weiß aus eigener Erfahrung, was „Folgerungen44 sind. Und doch wird man nur selten bei jemandem mutigen und offenen Widerstand gegen die Fortsetzer seines Werkes linden. L nd noch seltener wird sich ein Philosoph finden, der gerade heraus erklärte, daß sein Werk keiner Fortsetzung bedürfe, daß es sogar keine Fortsetzung ver- 349