Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 348

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 348 (sequence 99)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823773--1335-2825151
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nicht mit dem Gesetz vom Widerspruch, sagt er uns nicht zu, so ziehen wir ihn mit aller Strenge des Gesetzes zur Verantwortung, von vornherein davon überzeugt, daß er in jeder Hinsicht schuldig ist. Zuweilen aber bekommt man Lust, seine eigenen philosophischen Uberzeugungen nachzuprüfen. Die Komödie objektiver Kontrolle an ihnen vorzunehmen, bei sich selber nach Widersprüchen zu suchen, — dazu, meine ich, sind selbst die Deutschen unfähig. Dennoch möchte man wissen, ob man in der Tat im Besitz der Wahrheit ist oder ob man nur einen allgemein verbindlichen Irrtum in Händen hat. Was tun? Ich meine, es gibt eine Methode: du mußt dir vorstellen, daß deine Wahrheit unbedingt für niemanden verbindlich sein kann. Wenn also die Wahrheit einer solchen Prüfung standhält und für dich das gleiche bleibt, was sie früher war, und du dennoch nicht auf sie verzichtest, so ist anzunehmen, daß sie etwas wert ist. Schätzen wir doch sonst häufig eine Überzeugung nicht deshalb, weil sie einen inneren Wert hat, sondern weil sie auf dem Markt einen guten Absatz findet. Robinson hat wahrscheinlich ganz anders gedacht als ein moderner Schriftsteller oder Professor, dessen Werke durch seine zahlreichen Kollegen bewertet werden, die ihm den Ruhm eines Weisen und Gelehrten verschaffen oder seinen Ruf ganz vernichten können. Sogar bei den Griechen, die wir für mustergültige Denker zu halten gewohnt sind, hatten alle Urteile, in der Sprache der politischen Ökonomie gesprochen, nicht so sehr Konsumwert als Tauschwert. Die Griechen kannten noch nicht die Buchdruckerkunst und besaßen keine bibliographischen Zeitschriften, aber sie trugen ihre Weisheit gewöhnlich auf den Marktplatz und verwandten alle Mühe darauf, die Menschen zur Anerkennung ihres Wertes zu bewegen. Und man kann nur schwerlich annehmen, daß eine Weisheit, die ständig unter die Leute ging, sich nicht dem menschlichen Geschmack angepaßt hätte. Wohl eher gewöhnte sie sich daran, sich selber nur in dem Maße zu bewerten, als sie auf eine Bewertung durch die Menschen rechnen konnte. Anders ausgedrückt, ist der Wert der Weisheit, wie auch aller andern Ware, nicht nur bei uns, sondern schon bei den Alten, eine soziale Substanz. Die neueste Philosophie hat sogar aufgehört, dies zu verbergen. Der teleologische Gesichtspunkt sowohl der Rationalisten, die sich an Fichte anschließen, als auch der Pragmatisten, die sich als Nachfolger Mills betrachten, stellt sich offen auf den gesellschaftlichen Standpunkt und spricht von 348

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.