Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 347 (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
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verhielt sich anfangs sehr wohlwollend gegen die Fragen der Schüler und gab geduldig die verlangten Erklärungen. Aber je weiter, desto ärger. Die alleruntertänigsten Zweifel der Schüler werden mit der Zeit immer aufdringlicher, so daß der Greis schließlich außer sich geriet. ,,Ich habe mich keineswegs verpflichtet, jedermann alle Geheimnisse des Weltgebäudes zu erklären,64 rief er eines Tages aus, als einer der Schüler mit allzu viel Hartnäckigkeit die von ihm bei Schopenhauer entdeckten Widersprüche betonte. In der Tat, ist etwa der Lehrer verpflichtet, alles zu erklären? Und besteht etwa die iVufgabe des Philosophen darin, zu erklären? Anders ausgedrückt, kann denn ein Philosoph Lehrer sein? Schopenhauers Worte geben uns eine keineswegs zweideutige Antwort. Der Philosoph kann nicht nur kein Lehrer sein, sondern er will es auch nicht sein. Lehrer gibt es in Gymnasien, in Universitäten, - sie unterrichten in Arithmetik, Grammatik, Logik, Metaphysik. Der Philosoph aber hat eine ganz andere Aufgabe, die mit Lehrerschaft nicht die geringste Ähnlichkeit hat. Die Wahrheit als soziale Substanz Es gibt viele, wahre oder eingebildete, Methoden zur objektiv en Nachprüfung philosophischer Urteile. Aber sie alle laufen bekanntlieh auf eine Prüfung mittels des Gesetzes vom Widerspruch hinaus. Allerdings weiß jedermann, daß keine einzige philosophische Lehre dieser Prüfung standzuhalten vermag, so daß man in Erwartung einer besseren Zukunft es vorläufig für möglich hält, bei der Kontrolle eine gewisse Nachsicht walten zu lassen. Man gibt sich gewöhnlich zufrieden, sobald man zu der Überzeugung kommt, daß der Philosoph aufrichtig bemüht war, \\ idersprüche zu vermeiden. Ist der gute Wille erwiesen, so drückt man hinsichtlich der Widersprüche ein Auge zu und sucht in der Philosophie nach anderen Eigenschaften. So verzeiht man z. B. Spinoza seine Inkonsequenz wegen seines amor intellectualis l)ei, Kant wegen seiner Liebe zur Sittlichkeit und seines Lobes der L neigennützigkeit, Plato wegen seiner Originalität und der Reinheit seiner idealistischen Impulse, Aristoteles wegen seines umfangreichen und allumfassenden \\ is-ens usw. Man muß also eigentlich gestehen, daß wir keine wahre, objektive Methode für die Nachprüfung der philosophischen Wahrheit besitzen, und daß wir, wenn wir fremde Svsteme kritisieren, schließlich willkürlich urteilen. Sagt uns ein Philosoph aus irgendeinem Grunde zu, so belästigen wir ihn 347