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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 346

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 346 (sequence 97)
Language
German
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oder ist es vielleicht unvollkommen und muß deshalb den Ehrenplatz, den es heute einnimmt, einem anderen Wissen abtreten? Dies ist offenbar die wichtigste Frage der Erkenntnistheorie, und diese Frage stellt sie nie. Sie will die bestehende Wissenschaft preisen, sie war, ist und wird wahrscheinlich noch lange bleiben — Apologetik. . . . Wahrheit und Nutzen Mill führt zum Beweis dessen, daß all unser Wissen, selbst das mathematische, empirischer Herkunft sei, folgende Erwägung an: Wenn jedesmal, da wir zweimal zwei Gegenstände zu nehmen haben, irgendeine Gottheit noch einen Gegenstand unterschöbe, so wären wir überzeugt, daß zweimal zwei nicht vier, sondern fünf sei. Und Mill hat vielleicht recht: wir würden wohl nicht dahinter kommen, wie es sich damit verhalte. Wir sind bedeutend mehr darum besorgt, uns über das für uns praktisch Notwendige, unmittelbar Nützliche Klarheit zu verschaffen, als die Wahrheit zu finden. Wenn eine Gottheit uns mit jeden vier Gegenständen einen fünften unterschöbe, so würden wir das Untergeschobene hinnehmen und der Ansicht sein, dies sei natürlich, verständlich, notwendig, ja es könne gar nicht anders sein. Ist doch im Grunde genommen in dieser Welt alles uns von einer Gottheit untergeschoben, und nichtsdestoweniger wundert sich niemand, die Mehrheit versteht alles und erklärt alles. Ist doch selbst die Regelmäßigkeit in der Aufeinanderfolge der Erscheinungen, wie sie die Empiriker beobachten, uns ebenfalls heimlich untergeschoben. Durch wen? Wann? Wer hat Lust, danach zu fragen? Ist einmal ein Gesetz festgestellt, so interessiert sich bereits niemand mehr für irgend etwas: nun kann man bereits die Zukunft voraussagen, kann das Untergeschobene, das Fertige benützen, alles andere ist von Übel. Philosophen und Lehrer Schopenhauer ist bekanntlich lange Zeit nicht nur nicht anerkannt, sondern auch nicht gelesen worden: seine Werke fanden als Makulatur Verwendung; erst gegen sein Lebensende fand er Leser und sogar Verehrer. Und selbstverständlich auch Kritiker. Denn jeder Verehrer ist im Grunde genommen der erbarmungsloseste und aufdringlichste Kritiker. Er muß alles verstehen, alles miteinander in Übereinstimmung bringen, und die notwendigen Erläuterungen muß natürlich der Lehrer liefern. Schopenhauer, dem es bis in sein Alter an Lehrerfahrung mangelte, 346

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