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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 345

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 345 (sequence 96)
Language
German
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vor, daß grade der Glaube an das Gesetz der Kausalität jene große Unruhe und Verwirrung in der Seele erzeugt, deren Endergebnis alle Schrecken des Chaos und des Wahnsinns sind. Die Überzeugung von der Unveränderlichkeit der bestehenden Ordnung ist in gewissen Fällen geradezu gleichbedeutend mit der Überzeugung von der Sinnlosigkeit und Ungereimtheit des Lebens. Ein solches Gefühl hatten wahrscheinlich die Jünger Christi, als sie die letzten Worte ihres gekreuzigten Lehrers vom Kreuze herab vernahmen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Auch die modernen Erkenntnistheoretiker können triumphieren: als das Gesetz der Kausalität sich als Stütze des Chaos und der Unvernunft erwies, wurde es ipso facto aufgehoben: Christus ist auferstanden, berichten uns seine Jünger. Ich sagte, die Erkenntnistheoretiker könnten triumphieren, aber ich muß gestehen, daß ich bei keinem einzigen Erkenntnistheoretiker offenen Triumph anläßlich eines so deutlichen Beweises der \\ ahrheit ihrer Lehre gefunden habe. Von der Auferstehung Christi sprechen sie gar nicht, — im Gegenteil, sie umgehen und verschweigen sie auf jede Weise. Dieser Umstand veranlaßt uns zum Innehalten und Nachdenken. Es erhebt sich das Dilemma: erkennst du an, daß das Gesetz der Kausalität keine Ausnahmen duldet, —so werden die letzten Worte des Gekreuzigten deine Seele ewig verfolgen; erkennst du sie nicht an, - so wirst du keine Wissenschaft haben. Die einen behaupten, man könne nicht ohne \\ issenschaft, ohne Wissen leben, ein solches Leben sei ein Grauen und VC ahnsinn; die andern können sich nicht mit dem Gedanken aussöhnen, daß der Vollkommenste unter den Menschen den Tod eines Schachers gestorben sei. Was tun? Ohne was kann der Mensch in der Tat nicht leben? Ohne wissenschaftliches Wissen oder ohne die Überzeugung, daß Wahr- C P heit und geistige Vollkommenheit zu guter Letzt in der Welt als Sieger hervorgehen? Und welchen Standpunkt hinsichtlich dieser Fragen wird die Erkenntnistheorie einnehmen? Wird sie nach wie vor ihre apologetischen Übungen fortsetzen oder wird sie endlich begreifen, daß ihre wahre Aufgabe nicht hierin besteht und daß sie, wenn sie das Recht bewahren will, sich Philosophie zu nennen, nicht das bestehende Wissen rechtfertigen und preisen, sondern es nachprüfen und lenken müssen wird? Sie wird also vor allem die Frage zu stellen haben: Ist das wissenschaftliche Wissen in der Tat vollkommen, 315

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