Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 344 (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
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Wissenschaft in Apologetik. Darum stimmen auch die Beweismethoden der Erkenntnistheoretiker überein. Wenn die Wissenschaft zu verteidigen ist, so ist sie also vor allem zu loben, d. h. es sind Erwägungen und Daten zu sammeln, die darauf hinweisen, daß die Wissenschaft diese oder jene, unbedingt aber eine sehr hohe und wichtige Mission erfülle. Oder es sei umgekehrt darzustellen, was aus der Menschheit werden würde, wenn man ihr das Wissen nähme. Dank diesem Umstand begann das apologetische Element in der Erkenntnistheorie fast dieselbe Rolle zu spielen, die ihm bisher in der Theologie eingeräumt wurde. Es naht vielleicht die Zeit, da die wissenschaftliche Apologetik zu einer offiziell anerkannten philosophischen Disziplin werden wird. Aber: qui s'excuse s'accuse. Offenbar ist an der Wissenschaft irgend etwas faul, da sie sich zu rechtfertigen beginnt. Und dann, Apologetik hin, Apologetik her, aber die Erkenntnistheorie wird es ja doch über kurz oder lang satt haben, sich nur von Lobreden zu nähren, und wird für sich eine kompliziertere und verantwortlichere Aufgabe, eine richtige Beschäftigung fordern. Gegenwärtig gehen die Erkenntnistheoretiker von der Annahme aus, wissenschaftliches Wissen sei vollkommenes Wissen, und die Voraussetzungen, auf denen es beruht, bedürften darum keiner Kritik. Das Gesetz der Kausalität finde seine Rechtfertigung nicht darin, daß es der Ausdruck des tatsächlichen Wechselverhältnisses der Dinge sei, und sogar nicht darin, daß uns Daten zu Verfügung ständen, die uns überzeugten, daß es Ausnahmen nicht zulasse und nie zulassen werde, d. h. daß Wirkungen ohne Ursachen unmöglich seien. Das alles sei nicht so, aber, so sagt man uns, das sei auch nicht notwendig. Die Hauptsache sei, daß das Gesetz der Kausalität Wissenschaft möglich mache, und umgekehrt, daß der Verzicht auf das Gesetz der Kausalität einen Verzicht auf die Wissenschaft, überhaupt einen Verzicht auf jegliches Wissen, Voraussehen, nach Meinung einiger sogar auf die Vernunft bedeute. Es ist klar, daß, wenn man zu wählen hat zwischen einer nicht ganz begründeten Annahme einerseits und der Aussicht auf Chaos und Unvernunft andrerseits, man nicht lange nachzudenken braucht. Die Apologetik hat, wie man sieht, die stärksten argumenta ad hominem gewählt. Aber alle derartigen Argumente haben einen gemeinsamen Mangel: sie sind unbeständig, sind zweischneidig. Heute sprechen sie für das wissenschaftliche W issen, morgen sprechen sie dagegen. In der Tat, es kommt 344