Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 343

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 343 (sequence 94)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823773--1330-2825146
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

LEO SCHESTOW DIE GROSSEN VORABENDE Erkenntnistheorie als Apologetik Die moderne Erkenntnistheorie, die zwar stets sich von Kant herleitet, ist in einer Beziehung dem Vermächtnis ihres Meisters gänzlich untreu geworden. Und wie sonderbar: die Erkenntnistheoretiker, die gewöhnlich fast in nichts sich einigen können, scheinen miteinander übereingekommen zu sein, die eigentliche Aufgabe der Erkenntnistheorie anders als Kant aufzufassen. Kant unternahm eine Revision unseres Erkenntnisvermögens zum Zweck der Erklärung der Erkenntnis. © r> Diese letztere aber benötigte er, um die Grundlagen festzulegen, kraft derer man die einen der bestehenden Wissenschaften anerkennen kann, die anderen hingegen ablehnen muß. Im Grunde genommen, wenn man so will, hauptsächlich um des zweiten Zweckes willen. Humes Skeptizismus beunruhigte ihn nur theoretisch. Er wußte von vornherein, daß .Mathematik und Naturwissenschaften, welche Erkenntnistheorie auch immer man sich ausdenken möge, Wissenschaften bleiben würden, die Metaphysik hingegen abgelehnt werden würde. Anders ausgedrückt, er setzte sich das Ziel, nicht die Wissenschaft zu rechtfertigen, sondern die Möglichkeit ihrer Existenz zu erklären, — er ging auch davon aus, daß an den mathematischen und naturwissenschaftlichen Wahrheiten niemand ernsthaft zweifeln könne. Heute jedoch verhält es sich damit anders. Die Erkenntniswissenschaft richtet alle ihre Bemühungen darauf, das wissenschaftliche Wissen zu rechtfertigen. Wozu? Bedarf denn das wissenschaftliche Wissen einer Rechtfertigung? Zwar gibt es solche C? P> H Sonderlinge, zuweilen auch geniale wie unser Tolstoj, die die Wissenschaft angreifen, aber ihre Angriffe kränken und beunruhigen niemanden. Die Gelehrten setzen nach wie vor ihre Untersuchungen fort, die Universitäten florieren, Entdeckungen folgen auf Entdeckungen. Die Erkenntnistheoretiker indes haben immer noch schlaflose Nächte und suchen nach neuen Rechtfertigungen für die Wissenschaft. Und während sie, ich wiederhole dies, sich in fast nichts anderem einigen können, versetzen sie uns in dieser Hinsicht durch ihre Einmütigkeit in Erstaunen: sie sind alle überzeugt, daß man die Wissenschaft rechtfertigen und preisen müsse. So verwandelte sich die moderne Erkenntnistheorie aus 343

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.