Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 336 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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die Stapfen jenes Gottesschrittes zu treten, sie in blindem Lauf überrennt. Ist die Religion am andern Ende von einem Eis der Isolierung bedroht, in dem sie die Verbindung mit dem gemeinschaftaufbauenden Menschenanteil am Werden des Reichs verliert, hier droht ihr das Aufdampfen im Schnellfeuer des Getriebes. Nicht eher als in der großen Polis Gottes werden Religion und Politik zu einem Leben der Weltgemeinschaft im Angesicht der Ewigkeit verschmelzen, darin weder Religion noch Poütik mehr besteht. Die natürlichste aller Fragen, die nach dem Erfolg, ist die Feuerprobe der Religion. Weicht sie der Sphäre aus, wo die Frage gefragt wird, dann entzieht sie sich trotz aller Heilsgüter und Sakramente der Verleiblichung; verfällt sie jener Sphäre, dann hat sie die Seele verloren. Gandhi zeigt uns wie kein anderer Mensch unsres Zeitalters die Schwere der Situation, die Tiefen der Problematik, die Vielfältigkeit der Streitfront, die von Paradoxie umwitterte Gewaltigkeit des allstündlich zu bestehenden Widerspruchs. Der Mahatma hat sich jetzt, während ich dies schreibe, auf seinen Gang — ein sinnbildweites Gegenstück zur Flucht des alten Tolstoj — begeben. Es ist ersichtlich keine politische Fahrt, sondern ein Pilgergang. Ein Pilgergang mit politischer Absicht; aber unter aller politischen, vermutlich dem Bewußtsein der meisten Mitgehenden verborgen, lebt die religiöse, wo die Verweigerung einer Steuer nicht mehr ein Mittel im Kampf gegen die britische Regierung um die Unabhängigkeit Indiens, sondern eine Ergreifung des Menschen bedeutet, dem es in dieser Weltstunde frommt, faktisch und unter Hergabe seiner selbst zu erfahren, wieviel des Kaisers ist. Ich glaube nicht, daß am Ende dieses Pilgergangs schon die Unabhängigkeit Indiens stehe. Aber ich glaube, daß dieser Pilgergang wesentlich mitbestimmt, wie der Mensch eines unabhängigen Indiens, wann immer und wodurch immer es errungen wird, beschaffen sein wird. Und was wäre Svaraj, wenn es nur Umwandlung von Institutionen und nicht auch Umwandlung des Menschen wäre! 2. Gandhis Werk und eine indische Politik Aber wir müssen, wenn wir Gandhis Platz nicht bloß in der Geschichte der Religiosität und ihrer Auswirkungen, sondern auch in der der Politik 336