Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 335 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
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werde diesem unverzüglich eine Verfassung anbieten, „die den Wünschen des indischen Volkes genau entsprechen wird4*. Das Gespräch endete damit, daß Gandhi ein Prophetenwort variierte: „Der Löwe ruht dann beim Lamm.66 Man kann nicht deutlicher den religiösen Charakter jener Erwartung aussprechen; aber wenn er ernst genommen wird, bedeutet die \ oraussetzung, die Gandhi dafür macht, nicht bloß eine Haltung des Volkes, sondern dessen innere Umwandlung: Gandhi sagt unverkennbar dem „politischen", dem unverwandelten, dem sich nicht wandelnden Menschen ab. „Wenn Indien", schreibt er später einmal, ,,frei werden will, kann es das nur mit Gottes Hilfe erlangen. Gott liebt die Wahrheitlichen und Gewaltlosen." Aber Gottes Liebe ist nicht am Erfolg zu me>sen. \\ ie Gottes Liebe sich auswirkt, ist seine Sache. Man darf für die \\ ahrheitlichen und Gewaltlosen der Liebe Gottes gewiß sein, aber nicht der Erlangung von Svaraj in einem Jahr. „In einem Jahr" ist eine politische Parole; die religiöse Losung müßte lauten: Irgendwann, vielleicht heute, vielleicht in einem Jahrhundert. In der religiösen \\ irklichkeit gibt es keinen Zeitvertrag, und der Sieg kommt zuweilen eben dann, wenn man ihn nicht mehr zu erleben vermeinte. Im letzten Teil jenes Jahrs der Erw artung schrieb Gandhi, dem ,,\\ under" einer so schnellen Erlangung von Svaraj müsse ,,eine wunderbare Bekehrung Indiens zur Lehre der Gewaltlosigkeit vorausgehen, zumindest in deren eingeschränkter Absicht, d. h. als eine unentbehrliche Vorbedingung zur Sicherung von Indiens Freiheit". Aber bedeutet das nicht: Bekehrung zu einer religiösen Lehre, „zumindest*" in deren politischer Form? In der religiösen Lehre bleibt Gewaltlosigkeit der Weg zum Ziel, auch wenn sie als Mittel zum Zweck versagt. Freilich muß es Gandhi als politisch Handelndem genug sein, wenn die Massen die rechte Haltung einnehmen; aber Bekehrung heißt Umkehr des Wesens, innerste l msinnung. Gewiß wird, wenn ein religiöser Mensch, ein mit seiner Religiosität überall wo er sich einsetzt Ernst machender, im politischen Bereich wirkt, Religion in die Politik eingeführt. Aber da der Weg zum religiösen Ziel in Bahnführung, Perspektivik, Gangart, Tempo und letztlich in seiner Lnvorhersehbarkeit dem Erreichen des politischen Erfolges wesenhaft unähnlich ist, läuft bei diesem ihrem heiligen Werk der „Einführung** die religiöse Wirklichkeit Gefahr, daß die Kategorien sich vermischen, daß das Ziel zum Zweck, der Weg zum Mittel wird, daß der Mensch, statt in 335