Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 334 (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823773--1321-2825137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ist . . . Diese Gewaltlosigkeit scheint mir lediglich unsrer Hilflosigkeit zu entstammen . . . Kann echte freiwillige Gewaltlosigkeit aus dieser anscheinend zwanghaften Gewaltlosigkeit des Schwachen kommen?46 Diese Worte haben wohl auch heute, trotz Gandhis großer erzieherischer Wirkung, noch sehr viel von ihrer Gültigkeit behalten. Soweit Gandhi politisch handelt, soweit er z. B. an parlamentarischen Beschlußfassungen teilnimmt, führt er nicht die Religion in die Politik ein, sondern verbündet seine Religion mit der Politik der andern. Er kann nicht ununterbrochen mit der Schlange ringen, er muß sich zwischendurch mit ihr vertragen, weil er im Reich der Schlange zu wirken angewiesen ist, das zu vernichten er auszog. Er weigert sich, die menschlichen Leidenschaften auszunützen, aber er ist als politisch Handelnder an den ..politischen", an den unvenvandelten Menschen gekettet. Die Schlange ist ja nicht bloß draußen mächtig, sondern auch drinnen in den Seelen derer, die den politischen Erfolg ersehnen. Es ist reinster Bewunderung wert, wie Gandhi immer wieder, wenn die innere Schlange sich in der Bewegung übermächtig erwies, strenge, bis zu schweren Kasteiungen und Läuterungen gehende Selbstkritik übt. Aber wir folgen ihm darin nicht; wir wissen, wenn wir den tragischen Charakter seiner Größe beachten, daß es nicht die Tragik eines innern Widerspruchs ist, sondern die des Widerspruchs zwischen der Unbedingtheit eines Gemüts und der Bedingtheit einer Situation, zu welcher Situation eben die Artung der Massen, der Anhängerschaft, auch der Jünger gehört. Es ist dies eine Tragik, die allen vordergrundsoptimistischen Ausgleichungsversuchen widersteht; die wohl überwunden wird, aber nicht anders, als wie wenn am Ausgang einer griechischen Tragödie eine Theophanie (der sogenannte deus ex machina, in Wahrheit ex gratia) das unlösliche Verhängnis löst. Das aber ist der sehr leise, sehr langsame, sehr umwegige, gar nicht „erfolgreiche64 Schritt der Gottheit durch die Geschichte. Im September 1920 sagte und schrieb Gandhi, wenn das indische Volk Disziplin, Selbstentäußerung, Opferwilligkeit, Ordnungsfähigkeit, Vertrauen und Mut erwiese, würde in einem Jahr Svaraj, die indische Unabhängigkeit, errungen werden. Drei Monate später von dem Vertreter der Times befragt, wie er das meine, erklärte er, das britische Volk werde zugleich die Kraft der indischen öffentlichen Meinung und das greuliche Unrecht erkennen, das in seinem Namen Indien angetan wurde, und es 334