Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 333 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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In dem denkwürdigen Aufsatz „Weder ein Heiliger noch ein Politiker" erläutert Gandhi seine Position: „Ich scheine an der Politik teilzunehmen, aber dem ist bloß deshalb so, weil die Politik uns heutzutag wie die Windungen einer Schlange umstrickt, denen man nicht entschlüpfen kann, was immer man versucht. Ich begehre daher mit der Schlange zu ringen." Und weiter: „Ich habe mit mir selbst und mit Freunden experimentiert, um die Religion in die Politik einzuführen."* L nsere Frage wechselt noch einmal die Form; sie lautet nun: Läßt sich die Religion in die Politik so einführen, daß dennoch politischer Erfolg erzielt wird? Religion meint Ziel und Weg, Politik Zweck und Mittel. Der politische Zweck ist dadurch gekennzeichnet, daß er - eben im „Erfolg** - erreicht und sein Erreichtsein historisch verbucht wird. Das religiöse Ziel bleibt auch in den höchsten Erfahrungen dem sterblichen Weg das schlechthin Richtungverleihende, es geht nie in geschichtliches Gewordensein ein. Die Geschichte der erschaffenen Welt, wie die geschichtsgläubige Religion sie bekennt, und die Geschichte der menschlichen Person, wie alle, auch die nicht geschichtsgläubige Religion sie bekennt, das Geschehen auf der Wanderschaft vom Ursprung in die Vollendung, wird mit anderen Zeichen als mit denen des Erfolgs eingetragen. „Das Wort** siegt, aber anders, als seine Träger erhofften. Nicht in seiner Reinheit siegt das Wort, sondern in der Zersetzung; seine Fruchtbarkeit vollzieht sich in der corruptio seminis. Hier wird kein Erfolg erfahren und verbucht; wo in der Religionsgeschichte doch dergleichen vorkommt, waltet nicht mehr Religion, sondern Religionspolitik, d. h. das Gegenteil dessen, was Gandhi verkündet: die Einführung der Politik in die Religion. Noch einmal also: läßt sich mit religiöser Tat politischer Erfolg erzielen? Daß Gandhis eigene Haltung eine religiöse im echtesten Sinn ist, bleibt unanzweifelbar. Aber schon wenn er davon redet, daß er auch „mit Freunden experimentiere", drängt sich die schmerzliche Frage nach der Gesinnung mancher dieser Freunde auf. Haben doch vor Gericht einige seiner nächsten Anhänger versichert, solange Gandhi die Parole der Gewaltlosigkeit ausgebe, würden sie sich unverbrüchlich dran halten; käme freilich eine andre aus seinem Mund, dann würden sie eben dieser folgen. Und gar die weitern Kreise der Bewegung! „Ich sehe", schrieb Gandhi nach dem Tag von Delhi, „daß diese unsre Gewaltlosigkeit nur hauttief 333