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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 332

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 332 (sequence 83)
Language
German
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er, er hätte gewünscht, wie früher schon oft so auch jetzt in einer kleinen Minderheit zu bleiben: „Ich weiß, daß das einzige, was die Regierung fürchtet, diese ungeheure Mehrheit ist, die ich zu befehligen scheine. Sie wissen nicht, daß ich die noch mehr fürchte als sie selber. Mir ist buchstäblich übel davor. Ich würde mich meines Bodens sicher fühlen, wenn ich von ihr angespieen würde." Und weiter: „Und stehe ich etwa auch vor der Aussicht, mich in der Minderheit einer Stimme zu befinden, ich glaube in Demut, daß ich den Mut haben werde, in solch einer hoffnungslosen Minderheit zu verbleiben. Dies ist für mich die einzige wahrheitliche Lage." Das ist zweifellos die Erklärung eines wahrheitlichen Menschen, und ich weiß ihr aus dem modernen Abendland im Bereich des öffentlichen Lebens kaum etwas an die Seite zu setzen, es sei denn — bei aller wurzelhaften Verschiedenheit — einige Worte des Amerikaners Thoreau in seinem klassischen Traktat über die Pflicht des bürgerlichen Ungehorsams; aber ist es auch die Erklärung eines politischen Menschen, das heißt, eines Menschen, der die Gestaltung der Institutionen und ihrer Wirksamkeit zu beeinflussen unternimmt? Mit andern Worten: ist die angeführte Äußerung Gandhis nur eine Erklärung gegen die Lüge in der Politik oder ist sie eine Erklärung gegen die Politik? Gibt es eine politische, institutionsändernde Aktion, gibt es politischen Erfolg ohne eine mehrheitliche oder revolutionär-minderheitliche, befohlene oder freiwillige Massengefolgschaft? Ist der Ibsensche Aphorismus von dem Starken, der am mächtigsten allein sei, nicht bloß sittlich wahr, also auf der Ebene der persönlichen Bewährung, sondern auch politisch wahr, also auf der Ebene der gesellschaftlichen Realisierung? Wird er anders politisch wahr, als indem dem Einsamen, von seinem Charisma bezwungen, die Massen „nachkommen"? Aber solch ein Nachkommen ohne innere Verwandlung kann ja eben, wie Gandhis Wort von seiner „Furcht" beweist, ihm nicht genugtun. „Im Ramayana", schreibt er, „sehen wir, daß Rama, als alles zu seiner Krönung bereit ist, in die wilden Wälder verbannt wird." Nun, im indischen Epos wird Rama, nachdem er sich lange weigert, die Herrschaft anzunehmen, weil die Zeit der Verbannung sich erst erfüllen muß, endlich doch zum König geweiht. Aber das entspricht keiner politischen Hoffnung mehr, keiner im öffentlichen Bereich durch öffentliches Wirken unmittelbar zu verwirklichenden, sondern nur noch einer religiösen. Keiner Hoffnung auf ein angebliches „Nachkommen", sondern nur noch der auf die Umkehr. 332

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