Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 326 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr Tugenden haben als der Sohn und ist doch nicht Sohn, sondern Knecht; und der Sohn ist Sohn, auch wenn er wie ein Knecht dient und sich den Namen eines Knechtes gibt oder auch wenn er sich von den Trebern der Säue nährt. Dem getreuen Sohne gibt der Vater in der Parabel Jesu nicht sein Vermögen, sondern nur dies: „Mein Sohn, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist dein!46 Dem Sohn, der von ihm weggehen wollte, zahlte er den vollen Erbteil aus. Es ist bezeichnend, daß die gesamte abendländische Zuhörerschaft dieser evangelischen Parabel das Gefühl der Benachteiligung des getreuen Sohnes kaum unterdrücken kann. Das „Du bist immer bei mir" ist ihr kein rechter Wertbegriff. Es ist uns lieber, daß unsere Erde schier restlos Fruchtland ist, und wir verzichten gern auf das „Gott allein in der Wüste". Wir verzichten gern auch auf die Wüstenstriche unseres Lebens, obwohl wir wissen, daß es Zeiten der Offenbarung Gottes sind. Wir wissen aber auch, daß dies im Grunde genommen eine Luderei von uns ist, daß wir lieber auf fruchtbare Felder, rentable Fabriken, gesicherte Gehälter und Pensionen oder steigende Börsenpapiere als auf die Vorsehung Gottes vertrauen. Da leuchtet die Wüste auf in ihrem schönsten Lichte. Sie ist das Land des „Gott allein", und der Vater gibt sie jenen Söhnen, die zwar nicht den Wertbegriff der Zeit und der Arbeit, wohl aber diesen Wertbegriff kennen. Die Wüste ist das Zeugnis treuer Sohnschaft, und die Völker, die an ihren Rändern leben und ihre Weiten durchstreifen, sind geehrt durch dieses Zeugnis. 12. Erdkunde und Völkerkunde Es ist in der Wissenschaft von der Erde Mode geworden, den Charakter und das Wesen der Menschen und der Völker aus der Bodengestaltung und aus dem Klima zu erklären, und zwar so einseitig und impertinent, daß ich nur mit einer gewissen Ängstlichkeit zu sagen wage, daß mir das umgekehrte Denken richtiger erscheint: Der Boden ist gestaltet und das Klima ist bestimmt nach dem Charakter und Wesen der Menschen und Völker, die jeweils ein Land bewohnen. Nicht dem Boden und dem Klima ist es gegeben, den Menschen zu beherrschen und zu verwandeln, sondern dem Menschen ist es gegeben, der Erde mächtig zu werden. Das Maß seiner Gottessohnschaft bestimmt die Erde. Sowohl die Erdkunde wie die Völkerkunde wie die große Politik könnte sich bereichern, wenn sie 326