Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 325 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823773--1312-2825128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Munde reden und daß sie, wenn sie einmal nach eigenem Munde reden, von dem anderen Munde tot gesprochen werden. Das würde die Wüste nicht leiden. IL Der Meister Es wäre ja zu erörtern, ob die Bewohner der Wüste das Christentum und seine Schule vielleicht gar schon hinter sich haben. Allein ich fände wohl keinen Partner, der nicht hartnäckig und von vornherein auf einem Ort vor oder außer dem Christentum bestände. Ich denke mir nur so: Wer das, was der Meister gelehrt, derartig fcann, daß er sich nicht mehr auf den Meister zu berufen braucht und daß des Meisters Name überhaupt nicht genannt wird, der hat die Schule des Meisters hinter sich, und der Meister freut sich; dem hat der Meister nichts mehr zu geben außer dem Größten, was er geben kann, nämlich seiner Liebe. Als ich im Sommer bei unserer sonntäglichen Hausandacht das Evangelium von den Lilien des Feldes und den Vögeln des Himmels las — wir unterbrechen die An-dacht manchmal, um uns über das auszusprechen«, was wir gelesen haben — mußte ich zu meiner lieben Anka sagen : „Da? ist die Seiigpreisung und der Meisterbrief für die Menschen, die wir in Ägypten und in Palästina und in Syrien getroffen haben. Diese sorgen nicht ängstlich für ihr Leben, was sie essen, und für ihren Leib, womit sie sich bekleiden sollen; sie leben sorglos wie die Blumen der Felder und wie die \ ögel des Himmels. Zu uns ist dieses Evangelium nur als Wort gekommen und wird als solches respektvoll tradiert, aber Fleisch geworden ist dieses \\ ort in jenen Menschen. Und wir haben gar keine Hoffnung, daß es auch in uns Fleisch werde/4 Und all unser ängstliches Sorgen tiel uns ein, und wir waren traurig. So wie einmal zwei Schreinergesellen beim alten Fiedlertischler, denen die Meisterschaft in Aussicht stand, traurig waren, als ein hergelaufener, jüngerer Kollege, der gar nicht bei dem Meister gelernt hatte, sondern bei einem ganz unberühmten, halbnärrischen Tischler an der böhmischen Grenze in der Lehre gewesen war_ gleich nach den D O ersten Probearbeiten die Meisterschaft mit Auszeichnung errang. Ich glaube, nicht blind zu sein für die Fehler und L narten des \ olks, das wir auf unserer Reise gesehen haben, kann mir aber das Reden darüber ersparen, denn nicht an den Fehlern und Unarten erkennt man die Söhne eines guten Vaters, sondern am Bild und Gleichnis, an einer einzigen besonderen Tugend. Der Knecht kann die selben und noch v iel 325