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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 324

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 324 (sequence 75)
Language
German
Belongs to
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sprich weiter!" Die Männer des Orients, die männlich stolzen Kinder der Wüste aber sah ich mit jener Vergnüglichkeit lächeln, die ein alter, erfahrener Bauer an sich hat, wenn ein Gymnasiastlein ihm eine Lehre zu geben versucht. Das also wird den Söhnen der Wüste, die das Leben längst überwunden haben, zugemutet, daß sie den „Ernst des Lebens66 kennenlernen müßten! Sie sollen wohl auch so seufzen und stöhnen und so tragische Gesichter machen lernen wie wir! Solch ein Bischof mit seiner „schweren Verantwortung" gönnt den freien Kindern Gottes nicht, daß ihnen das Leben ein Spiel ist. Anstatt frei wie Könige und froh trotz der Kargheit ihres Stückleins Brotes durch die weiten Wüsten zu schweifen, sollen sie wohl lieber frühmorgens vergrämt in die Fabrik gehen und abends mit verbitterter Miene heimkehren oder — da es auch andere Menschen im Christentum gibt — sollen sie wohl lernen, mit dem ganzen Ernst des Lebens die Börsenzeitung zu lesen, den Winter über durch fieberhafte Geschäfte und durch gesellschaftlichen Betrieb die Nerven krank zu machen und den ganzen Sommer über in Heilbädern herumzuliegen und dank der den ganzen Tag mit Beschäftigung ausfüllenden spezialärztlichen Verordnungen den ganzen Ernst des Lebens zu erkennen, oder — da es noch andere Menschen im Christentum gibt — sollen sie sich wohl lieber bis an die Grenze des Irrsinns mit geistigen Problemen abquälen und Bücher zu schreiben, die nur von drei Menschen gelesen werden, von zweien davon nur zum Zwecke der Kritik? Und das also ist der bedauerliche Nachteil des Islam gegenüber dem Christentum, daß er eine Religion ist, die zu wenig wehe tut und die den Wert der Zeit nicht als Wertbegriflf lehrt? Und „schön gesprochen" ist das von der pädagogischen Kraft des Christentums. Als ob wir Christen so sehr gut erzogen wären! Denn dies allein, nicht irgendwelche objektive Kraft des Christentums, würde uns berechtigen, also zu reden und zu schreiben. Das Christentum wird von seinen Apologeten, die von seiner pädagogischen Kraft reden, als Schule für die Menschen hingestellt, zugleich aber als etwas, aus dem man niemals mehr herauskommen soll und über das hinaus es nichts mehr gibt, weder im Himmel noch auf Erden. Irrsinn, eine Schule, aus der man nicht herauskommt! Wenn also jemand nicht in dieser Schule ist, da sagen die Apologeten, er müßte hinein und würde dort Wunder von Männlichkeit und Mündigkeit erleben. Dabei sind die Apologeten selber so unmündig, daß sie immer nur nach anderem 324

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