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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 323

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 323 (sequence 74)
Language
German
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Gott gegenüber nicht der Sohn vor seinem Vater, sondern der Sklave vor seinem Herrn sei, ohne alles Recht, ohne jedes Eigentum, ohne irgendeinen Willen. Sage mir ehrlich: Bist du einem einzigen begegnet, der so aussah?** Ich mußte ihm zugestehen, daß ich viele Araber und Juden getroffen hatte, die mir als eine ganz wundersame Einheit von stolzer .Männlichkeit und rührender Kindlichkeit erschienen. Der Syrer fuhr fort: ,,Sie nennen sich nicht Kinder Gottes; sie lehren nicht, daß Gott Mensch wird in den Kindern Gottes, aber was ihr lehrt, das ist bei ihnen Wahrheit, bei euch steht es im Buche." Darauf ich: „Lieber Isaac, du giltst bei uns als einer der beachtenswertesten Kirchenväter, aber mein berühmter seliger Kollege Bickrll hat gesagt, daß du gern übertreibst und gar oft barocke Meinungen ha.-t." Isaac erwiderte: „Das hat man auch dir nachgesagt.** 10. Das vergnügliche Lächeln Im tiefsten Grunde war ich ja selig, bei dem alten Kirchenmann so viel von dem zu finden, was mich mein Herz schon immer gelehrt hat. Ganz leise schob ich das Buch eines neuen Kirchenmanns beiseite, das ich als Vorbereitung für meine Reise nach dem Heiligen Lande Heißig studiert hatte. „Der Orientale,*4 so hieß es in diesem Buche, ,,der unter dem Bann des Islam stehende und lebende, sieht nach Art der Kinder das Leben in erster Linie als Genuß an, Tätigkeit und Arbeit als Spiel und Gewinn. Der Ernst des Lebens kommt ihm selten zum Bewußtsein; der Wert der Zeit ist ihm ein unbekannter Wertbegriff. Die eigentliche c ~ Erziehung fehlt ihm; nur der Polizeistock hält ihn äußerlich in Schranken, und auch seine Religion läßt eine innere Zucht ihm nicht angedeihen und hütet sich überdies ängstlich, ihm äußerlich wehe zu tun. Alan gewinnt den Eindruck, daß noch so viel Kindliches an diesem Volke ist, um es für das Christentum empfänglich und fähig zu machen; daß aber auch nur die pädagogische Kraft des Christentums imstande wäre, ihm das Kindische abzutun und die naturwidrig und künstlieh zum bleibenden Zustand verfestigte Unmündigkeit naturgemäß zu kräftiger und edler Mündigkeit fortzubilden." Als ich dies letzthin wieder las, dachte ich: Wenn einer so zu den beiden echten Kindern Berlins, die im Sommer bei uns waren, zu sagen den Mut gehabt hätte, wären sie nur durch die bischöfliche Würde des Sprechers abgehalten worden zu antworten: „Du hast schön gesprochen; 323

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