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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 322

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 322 (sequence 73)
Language
German
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ich es doch sehr mit der Angst zu tun, und es dauert dann gewöhnlich bis nachts um zwei oder drei Uhr, bis ich endlich aufgehoben bin in der wunderbaren Hand und Ruhe finde in dem Wissen, daß mir nichts mangeln wird. Gewiß, wir vertrauen auf Gott, verlangen aber bestimmte Garantien und Anzeichen, daß Gott auch wirklich helfen wird. Ich habe viel unter gläubigen Landleuten gelebt. In meiner Jugendzeit hatte gar mancher den in wechselnden Schmucklettern, gotisch, humanistisch und barock geschriebenen Spruch in goldenem Rahmen an seiner Wand: „Gott hat geholfen, Gott hilft immer noch, Gott wird weiter helfen!" Die Bilderfabrik in Neurode stellte solche Schriftenbilder her, und sie waren wirklich eine Quelle der Kraft und des Lebensmutes für die kleinen Wirtschaftsleute. Sie sahen gern auf den Spruch, aber die Saaten mußten doch wenigstens einigermaßen gut stehen und die Ähren durften nicht allzu winzig sein. Auf Gott allein vertrauen, das ist nicht möglich im Fruchtland und ebensowenig in einem Leben fruchtbarer Arbeit. Gott allein, das ist etwas nur in der Wüste, sei es in einem öden Landstrich, sei es in einem öden Lebensstrich. Die Wüste und die Offenbarung Gottes haben sehr viel miteinander zu tun! Ich kam erst nach und nach dazu, dem Syrer soviel zuzugestehen. Zuerst sagte ich ihm natürlich: „Was du da von dem Leben in der Wüste geschrieben hast, klingt doch sehr nach dem Fatalismus, den später der Islam in verheerender Weise großgezüchtet hat. Damit kommst du in heutiger Zeit nicht mehr an!" „Fatalismus?" begegnete mir der Syrer, „Fatalismus ist eines jener Worte, welche ihr für Tugenden gebraucht, für die ihr selber zu feige und zu schwächlich seid. Hast du nicht die Söhne der Wüste gesehen? Sah ein einziger von ihnen so fatal darein wie ihr Abendländer? Wir haben in den Einsiedeleien und Cönobien des Orients, immer am Rande der Wüste, eine Saat gesäet, eine Saat freier, unabhängiger Männlichkeit, und diese Saat ist aufgegangen unter den Völkern des Orients. Die Einsiedler und Mönche sind verschwunden; die Klöster durften zerfallen; denn nun lebt alles Volk nach ihrer Weise und ist glücklich, soweit ihr es nicht verderbt mit den Importen eurer Kultur. Der Muselmann, auf dessen Religion und Ethik ihr so verächtlich niederschaut, steht dem altchristlichen Menschen, dessen Religion und Ethik ihr allein geerbt zu haben meint, unvergleichlich näher als ihr. Ihr doziert von ihm, daß er 322

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