Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 312 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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auf meine Freunde aus Jerusalem, ob ich etwa um ihretwillen so geehrt wurde, schaute dann an meinem Rock hinab, ob er sich etwa in eine weiße Tunika mit goldenem Saum verwandelt hätte. Meine liebe Anka, die neben mir ging, stieß mich an und raunte mir zu: „Sieh, da grüßt dich einer so freundlich!64 Das dauerte Gott sei Dank alles nur einen Augenblick; mein Gesicht war ohnedies von selbst gleich froh geworden, so daß der Gegengruß nicht unhöflich auf sich warten ließ. Es war alles so echt und täuschungslos, daß ich nicht einmal denken mag, es könne eine Verwechslung vorgelegen haben. Von keinem Gruß weiß ich sicherer, daß er mir galt, als von diesem Gruß. Er ward auch mit keiner Miene zurückgenommen, als ich weiter schritt. Die Freude blieb auf dem Antlitz des Greises unverändert stehen, leuchtete nur von neuem auf, als ich mich noch einmal umwandte. Und in meinem Herzen blieb eine Seligkeit bis auf den heutigen Tag. Wie von einem sehr tröstlichen Traum, von dem man am frühen Morgen sagt: „Den hat mir Gott geschickt." Ich las jüngst in einer Zeitschrift von drei Gesichtern unter den Völkergemeinschaften der Erde. Das eine Gesicht hat Moskau dem Gemeinschaftsleben seiner Völker aufgeprägt, das andere Rom, Gesichter von gewaltigen Kolossen, beide übermenschlich bis an die Grenze der L nmenschlichkeit oder über diese Grenze hinaus, das eine, wie es offen bekennt, in das Widergöttliche hinein, das andere, wie es unter Vorweisung heiliger Urkunden betont, in das Göttliche hinein. Das dritte Gesicht aber ist in Wirklichkeit noch nicht da. Aber der Frager ist da, der da fragt: „Gibt es zu diesen beiden noch ein drittes, ein noch nicht existentes, aber werdendes — über jene beiden hinaus werdendes? Zu den beiden allhin wahrnehmbaren tönernen Gesichtern ein drittes, noch verborgenes, eines von Fleisch und Blut, mit heiterer Stirn, liebenden Augen und einem Mund, der singen kann, ein menschliches Antlitz?" Dieses dritte Gesicht ist ein Traumgesicht, aber dieser Traum offenbart sich nicht als Schaum, sondern als mächtiges Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Jerusalem!" Als Glauben, der die Verheißung für sich hat. Ich glaube an Jerusalem, die Stadt inmitten der Wüste. Ich denke an das Weib von Kairo und an den Mann von Ain Karim. Sie hatten das Antlitz von Fleisch und Blut, mit heiterer Stirn, liebenden Augen und einem Mund, der so grüßen kann, als sänge er das Magnifikat. Es war aber wie ein Traum. Niemand sage, das seien nur zwei Einzel- 312