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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 311

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 311 (sequence 62)
Language
German
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der ältesten von den Frauen meinen Platz an. Aber mit einer Flut von freundlichen Worten und ganzen Lichtgarben von freundlichen Blicken drängte sie mich auf den Platz zurück. Ich verstand keines der Worte. Oder ich verstand sie so, wie man im Traum Worte versteht: Sie haben eine im Wachen nie verkostete Seligkeit in sich; wenn man sie aber beim Aufwachen wiederholen will, gehören sie einer fremden Sprache an und lassen sich nicht übersetzen. Und was die Frauen von mir sprachen, deutete der Blick als einen Lobgesang auf mich, so daß ich sehr verlegen wurde. Und warum tauchte das Bild meiner seligen Mutter vor mir auf? Und warum klang es so wie in der Bibel, wenn Frauen einander selig preisen um ihrer Kinder willen? Immer wieder nahte sich die Hand der greisen Chorführerin und legte sich in mütterlicher Zartheit auf meine Schulter und an mein Herz, und als die Frau den Wagen verlassen mußte, rief sie mir immer wieder den arabischen Gruß zu, der da heißt: „Sei glücklich!66 Ich habe schon viele Liebe von den Menschen erfahren und weiß, wie gut sie tut. Aber ich konnte mir doch immer den Grund denken. Hier kam sie aus grundlosen Tiefen wie im Traum. Der Träumende ist in fremden Ländern wie daheim; er hat wenigstens manche Orte schon oft gesehen, in manchen Häusern schon oft gewohnt. Weilt er nun aber wirklich im fremden Land, dann kann er kaum an Wirklichkeiten glauben. Oder ist es mir nur in Ägvpten und Palästina so ergangen? An einem der freien Tage, an dem die Reisegefährten ihre besonderen Wege gingen, nahmen sich unser einige Freunde aus Jerusalem an und zeigten uns die Wunder der Siedlungen ihrer Volksgenossen im Gebirge Juda. Da kamen wir auch nach Ain Karim, das wir aus dem Schulunterricht als ,,Sankt Johann im Gebirg^ kannten, als den Ort des frohen Grußes und des seligen Magnifikat. Als wir die Straße vom Marienbrunnen bergan gingen, sah ich schon von fern an der Straßenmauer eine hohe Greisengestalt lehnen. Die Augen des Greises musterten unsere kleine Gruppe, so daß ich dachte, er kenne wohl die Freunde aus Jerusalem. Denn es breitete sich eine Freude über sein ganzes Antlitz. Er ließ aber die beiden Freunde vorübergehen und neigte sieh plötzlieh ganz ehrfürchtig und voll leuchtender Freudigkeit vor mir, breitete auch seine Hände aus und formte seinen Mund zu Worten, die ich auch in der fremdesten Sprache als Segensworte verstanden hätte. Ich war ob solchen Grußes — der Greis war kein Bettler - verlegen, schaute zunächst 311

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